Themen aus den Büchern von Kurt Koch

Aus dem Buch "undefinedAngst und Einsamkeit"

Angst

 Im Missionshaus in Bad Liebenzell war ich einmal Teilnehmer einer Missionsstunde. Der alte Chinamissionar Schuppe zeigte uns damals drei Bilder eines gläubigen chinesischen Malers und trug damit seine Botschaft vor. Die Bilder zeigten folgende Situation :

* Zufallsbild *Ein Heide war in eine tiefe Grube gefallen und konnte sich nicht befreien. Da kam Konfutse, der chinesische Morallehrer und Philosoph, des Wegs. Der Gelehrte sah den Unglücklichen und gab ihm gute Ratschläge: »Sieh zu, wie du herauskommst. Wenn du das nächste Mal hier vorbeigehst, dann passe besser auf.« Mit diesen Worten schritt er erhobenen Hauptes weiter.

Nach einer Weile kam Buddha. Er sah den Pechvogel in der tiefen Grube und redete ihn an: »Mein Lieber, arbeite dich bis zum Rande hoch, dann kann ich dir vollends heraushelfen.« Der arme Mann konnte sich aber nicht so weit hocharbeiten. Und auch Buddha setzte seinen Weg fort und überließ den Unglücklichen seinem Schicksal.

Schließlich kam Jesus vorbei. Wieder rief der Verunglückte um Hilfe. Was tat der Herr? Er legte sich flach auf die Erde, neigte den Oberkörper über den Grubenrand, streckte seinen Arm nach unten und bekam die Hand des Unglücklichen zu fassen. In einem Augenblick war dann der Mann gerettet.

* Zufallsbild *Mit diesen drei chinesischen Bildern wird der Unterschied zwischen dem Moralphilosophen Konfutse, dem Selbsterlöser Buddha und dem Heiland der Welt gezeigt. Wir haben damit ein wesentliches Stück der christlichen Botschaft vor uns. Alle Religionsstifter der Weltgeschichte geben moralische Anweisungen, wie der Mensch sich selber helfen soll. Jesus gibt keine Anweisungen, sondern er hilft. Und das soll uns nun an dem Erlebnis des Petrus gezeigt werden.

I. Der Mensch in der Angst

Unser Text aus Matthäus 14 schildert Petrus, der Jesus auf dem Wasser entgegengehen wollte. Solange er auf den Herrn blickte, ging es gut. Als er den Blick von ihm abwandte, begann er zu sinken. Drei Stufen der Angst werden uns gezeigt:

Er sah den starken Wind, und er erschrak.
Er hob an zu sinken.
Er schrie.

1. Beobachtung - Angst - Entsetzen - Verzweiflung. Das sind die Stationen dieses Erlebnisses.

Nun mag mir jemand entgegenhalten: »Was redest du von der Angst? Damit habe ich nichts zu tun.« Gut, ich gratuliere jedem von Herzen, der ein solcher Kraftmeier ist. Im übrigen wird uns hier im Petruserlebnis nicht eine allgemeine Situation des Lebens gezeigt, sondern nur ein Ausnahmezustand.

* Zufallsbild *Ausnahmezustände können aber ausreichen, daß wir das Leben dabei einbüßen. Solche oder ähnliche Grenzfälle können in jedem Leben eintreten. Ziehen wir einmal die Linien von dem Petruserlebnis aus in unsere Gegenwart.

2. Der starke Wind und die aufgepeitschten Wogen des Sees symbolisieren uns Mächte und Gewalten, denen wir nicht gewachsen sind. Haben wir es im 20. Jahrhundert mit solchen Mächten zu tun? Ja. Vier Gebiete sollen angedeutet werden.

Politische Bewegungen - geistige Strömungen -spezielle Führungen - das Alltagsleben.

a) Winston Churchill sagte vor einigen Jahren, als er noch lebte: »Die Probleme der Weltpolitik sind uns über den Kopf gewachsen. Wir werden nicht mehr mit ihnen fertig.«

b) Zu den geistigen Strömungen müßte ich zwei extreme Bewegungen nennen: den Neurationalismus in der Theologie und einen neuen religiösen Animismus. Auf der einen Seite wird die menschliche Vernunft zum Maßstab der biblischen Vorgänge gemacht. Auf der anderen Seite wird die Aktivierung unterbewußter Seelenkräfte mit der Etikette des Heiligen Geistes versehen. Beides sind Irrwege. Weder mit dem Verstand noch mit der menschlichen Seele läßt sich der Heilige Geist erfassen oder nachahmen.

* Zufallsbild *c) Es gibt noch andere Bedrohungen, die uns ganz persönlich belasten können. So bin ich einem berühmten Arzt begegnet, der durch einen Tumor lahmgelegt worden ist. Er weiß, daß es bei ihm in die Umnachtung oder eine völlige Lähmung hineingeht. Wundert es uns, wenn bei solchen Aussichten die Verzweiflung nach der Seele des Betroffenen greift?

d) Auch im Alltagsleben gibt es eine Fülle von Wechselfällen mit belastendem Charakter. So könnte ein Soldat des letzten Krieges sagen: »Im Kessel von Stalingrad lernte ich die Angst kennen.« Ein Londoner oder Berliner würde bekennen: »Im Feuersturm niedergehender Bomben erlebten wir die Angst.« Das ist aber schon wieder so weit weg. Es gibt näherliegende Dinge.

Einer mag vielleicht bekennen: »Ich habe Angst vor dem Haß und der Unversöhnlichkeit meiner Schwiegermutter.« Ein anderer: »Ich fürchte mich vor den Launen und häßlichen Szenen meiner Frau.« Eine bekümmerte Frau sagt vielleicht: »Ich habe Angst vor den Jähzornausbrüchen meines Mannes.« Die Kinder fürchten sich vor der Gesetzlichkeit ihrer Eltern. Die Eltern fürchten sich vor der Unbotmäßigkeit und dem Ungehorsam ihrer Kinder. Die Angestellte fürchtet die Herrschsucht und Launen ihres Chefs.

In wieviel Formen steht die Angst vor uns: Lebensangst, Platzangst, Daseinsangst, Examensangst, Zukunftsangst, Russenangst, Atomangst, Angst vor den Hausgenossen, Angst vor Nachbarn, die einem dauernd zusetzen, Angst vor Kollegen, Angst vor der eigenen Schwäche und Unfähigkeit. Die schlimmste Angst ist aber noch gar nicht genannt: die Angst vor der eigenen Sünde, die Angst vor dem Gericht Gottes.

* Zufallsbild *Es gibt im Leben ein Herzeleid,
wenn um die Sünde die Seele schreit...

Wie sollen wir einmal mit unserer belastenden Vergangenheit vor Gott hintreten? Da möchte man tatsächlich in den Boden versinken, um sich zu verstecken. Petrus war in der Gefahr, im Meer zu versinken. Wir versinken im Meer unserer Schuld. Wie werden wir mit all diesen Ängsten fertig?

II. Die Irrwege

Das Angstproblem ist nicht ein Kind unseres Jahrhunderts. Zu allen Zeiten wurde diese Frage behandelt. Im klassischen Griechentum gab es zwei philosophische Schulen, die sich auch damit befaßten.

Die Stoiker stellten als Ideal auf: nil metuere nil admirari - nichts fürchten, nichts bewundern! Das heißt: der Mensch soll über den Regungen seines Gefühls stehen und damit auch die Angst überwinden.

Die Hädoniker dagegen hatten als bewährtes Rezept: Wein, Weib, Gesang. Der Sinnestaumel soll über alles hinweghelfen.

* Zufallsbild *Diese griechischen Rezepte sind nicht veraltet. Die Nihilisten unserer Tage wollen zu einer heroischen Haltung erziehen. Ihre Losung heißt: im Schwung über den toten Punkt hinweg!

Das Motto der Hädoniker wird von den Lebenskünstlern aller Schattierungen beachtet. Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot! Den Himmel überlassen wir den Pfaffen und den Spatzen. Uns gehört die Erde.

Wir brauchen uns mit diesen asketischen oder liberalistischen Experimenten nicht auseinanderzusetzen. Wohin sie führen, zeigt tausendfältig die Seelsorge.

Ein drastisches Beispiel dazu bekam ich in einem Gefängnis für Rauschgiftverbrecher in Mexiko. Ein Missionar organisierte einen evangelistischen Dienst. Ich verkündigte diesen Gefangenen das Evangelium. Nach meinem Dienst stand ein Mann auf und bekannte: »Ich habe von meinen 36 Lebensjahren 20 Jahre hinter Schloß und Riegel zugebracht. Viel schlimmer als die äußere Gefangenschaft war eher die Gebundenheit an das Rauschgift Heroin. Ich rüttelte zwei Jahrzehnte an diesen furchtbaren Ketten. Schließlich gab ich den Kampf als hoffnungslos auf. Selbst im Zuchthaus besorgte ich mir das süße Gift. Nun aber habe ich den gefunden, der mich freimachen konnte und frei gemacht hat: Jesus. Seit ich ihn habe, hat das Heroin seine Kraft verloren und die Herrschaft über mich eingebüßt.« Dieses Zeugnis behielt seine Kraft. Dieser ehemalige Sklave des Rauschgiftes ist durch Gottes Gnade seither frei. »Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei.«

* Zufallsbild *III. Der allein richtige Weg

Wir müssen mit unserer Angst an die richtige Adresse gehen. Als Petrus zu versinken drohte, rief er: »Herr, hilf mir!« Das ist wohl das kürzeste Gebet der ganzen Bibel. Was liegt nicht alles in diesem kurzen Schrei und Gebet! Jedes Wort dieses Rufes hat seine Bedeutung.

1. In unserer Zeit, da sich so viele als die Herren aufspielen, ist einer da, der wirklich den Namen Herr verdient. Ein Herr ist da, der allen Lagen unseres Daseins, aller Not, aller Angst gewachsen ist. Ein Herr ist da, der allen Jammer meistern kann. Ein Herr ist da, der nicht ratlos übermächtigen Verhängnissen gegenübersteht. Es ist einer da, der doch letzten Endes das große Kommando hat.

2. Der Schrei: »Hilf mir!« bedeutet, daß von diesem Herrn wirklich Hilfe kommt. Der Jesusname »jehoschua« bedeutet Hilfe.

Du, Jesusname, bist mein Schutz, mein Fels und meine Ruh.
Du bietest jedem Feinde Trutz, schließt seine Tore zu.

»Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.«

* Zufallsbild *3. Ferner sagt dieses kurze Gebet: hilf mir, daß ich einbezogen bin in diese Hilfe, wenn ich mich im Glauben an ihn wende. Petrus hatte im Augenblick des Versinkens keine Zeit, lange Worte zu machen. Jede Verzögerung brachte seinen Untergang, sein Verderben.

Bei uns ist es das gleiche. Wenn uns das Wasser an der Kehle steht, haben wir keine Zeit für lange Experimente. Wer um seine Verlorenheit weiß, sollte nicht an tausend anderen Stellen Hilfe suchen, sondern zu dem kommen, der uns Hilfe verbürgt.

Samuel Keller, der bekannte Pfarrer und Evangelist, übernachtete einmal in einem Gasthof. Ein Dienstmädchen fiel ihm wegen seines traurigen Gesichtsausdruckes auf. Er redete es an und wollte ihm den Weg zu Jesus zeigen. Es war verschlossen. Da bat er, es möchte doch wenigstens jeden Tag das kurze Gebet sprechen: »Herr, hilf mir!« Er schrieb es sogar auf. Das Mädchen versprach es. Nach einem Jahr kam Samuel Keller wieder in den gleichen Ort und traf die Bekannte wieder. Mit strahlendem Gesichtsausdruck kam sie auf ihn zu. Sie hatte inzwischen den Herrn Jesus gefunden. Von dem kurzen Gebet war doch eine wunderbare Wirkung ausgegangen. Allerdings hatte Samuel Keller auch manchmal dafür gebetet, daß das Mädchen Jesus finden möchte.

IV. Die ausgestreckte Hand

* Zufallsbild *Auch bei Petrus blieb sein Gebetsschrei nicht unbeantwortet. Jesus streckte seine Hand aus, packte ihn und entriß ihn der Tiefe. Damit erlebte Petrus, was jener chinesische Maler mit seinen drei Bildern dargestellt hat.

Und ob du am Versinken, ertrinken kannst du nicht.
Die Wasser werden Wege, die Wogen werden Stege.
Kann der dich fallen lassen, der nie die Treue bricht?
Und ob du am Versinken, ertrinken kannst du nicht.

Die ausgestreckte Hand. Das ist das zentrale Bild unseres Textes. Was könnte ich zu diesem Bild nicht alles erzählen!

Zweimal stand ich an den gewaltigen Niagarafällen. Der mich begleitende Pfarrer berichtete mir von einem dramatischen Unfall. Im Sommer 1961 war ein Mann mit seinem Motorboot auf den Eriesee hinausgefahren. Der Motor bekam einen Defekt, und dem Besitzer gelang es nicht mehr, das Boot zurückzurudern. In den Stromschnellen kenterte es. Viele Touristen waren Zeugen des schrecklichen Unglücks. Zuerst wurde das Boot über die hohen Fälle getrieben. Dann kam der Besitzer an die Reihe. Vor tausend Augen trieb er in den schrecklichen Tod. Dann kam seine 17jährige Nichte. Das Mädchen verlor nicht die Geistesgegenwart. Es schwamm mit aller Macht, um das amerikanische Ufer zu erreichen. Dabei schrie es um Hilfe. Ein Tourist stieg die steile Böschung hinunter. Es gelang ihm, die Hand des Mädchens zu erfassen. Andere Touristen bildeten dann eine Kette und zogen mit vereinten Kräften die Schwimmerin aus der starken Strömung heraus. 80 Meter vor dem sicheren Absturz wurde sie herausgerettet. Diese ausgestreckte Hand des hilfsbereiten Mannes entschied über Leben und Tod des Mädchens.

So ist Jesus die ausgestreckte Hand Gottes. Das ist das Herzstück des Evangeliums, daß die Hand des Vaters in seinem Sohn nach uns greift.

Ein weiteres Bild aus der Schweiz. Einige meiner Freunde, Ernst Schwyn und Werner Ambühl, haben eine Telefonseelsorge eingerichtet. Sie nannten dieses seelsorgerliche Werk: »Die dargebotene Hand.«

* Zufallsbild *Dazu eine Illustration aus Baden. Pfarrer Jordan zeigte mir in Bad Dürrheim einmal die neue evangelische Kirche. Der Stil ist etwas seltsam, wie bei vielen modernen Kirchen. Was aber fesseln kann, ist das Altarbild. Bruder Jordan erzählte mir dazu. Als der Kirchbau schon weit vorangeschritten war, fragte der Architekt: »Welches Motiv soll auf das Glasfenster hinter dem Altar?« Der Pfarrer konnte nicht sofort Antwort geben und bat den Architekten: »Kommen Sie doch einmal zu mir, damit wir darüber beraten.«

So saßen eines Abends die Männer zusammen und überlegten. Sie fanden eine Lösung. Bruder Jordan sagte nach langem Ringen: »Das Wesen des Christentums ist doch, daß Gott in seinem Sohn nach uns greift.« Damit war das Motiv gefunden. Auf dem großen Fenster ist eine große Hand dargestellt, die von oben nach unten greift. Dazu ist ein Symbol des Heiligen Geistes mit angedeutet, das darauf hinweist, daß der Heilige Geist uns diesen Zugriff Gottes in seinem Sohn gewiß und real macht.

Die ausgestreckte Hand des Herrn ist eine Sprache, ein Symbol auf Weltebene. Jeder, der in Not und Anfechtung ist, versteht dieses Zeichen. Die dargebotene Hand ist die Antwort Gottes auf alle Ängste unseres Lebens. Die Hand Jesu reißt uns aus der Bedrohung. Seine Hand reißt uns heraus aus der Schuld. Seine Hand entreißt uns dem Gericht Gottes.

Zwischenruf:
In dieser Zeit ist zwar der Teufel los, aber Gott am Zug.
Peter Hahne

Diese Tatsache zeigt uns, daß die Angstfrage und die Schuldfrage mit der Person Jesu verknüpft sind. Das wird auch in dem Wort Jesu deutlich gemacht: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Dieser Vers sagt uns, daß uns Jesus nicht ein Leben ohne Angst verheißt. »Ihr habt Angst«, sagt der Herr. »Die Angst ist euch nicht erspart.« Sie gehört nun einmal zum dunklen Tal dieses Lebens. Aber in diesem dunklen Tal ist der Herr gegenwärtig. Der Psalmist hat das erfaßt, wenn er sagt: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.« Das ist das Bekenntnis Davids. Und Asaph sagt es genauso wunderbar: »Du hältst mich bei meiner rechten Hand.« Das Leben der Christen ist also nicht ein Weg mit ununterbrochenem Sonnenschein. Das ist unwirklich und schwärmerisch. Aber eines steht fest, daß es ein Alltagsleben an der Hand Jesu gibt. Das ist nicht unwirklich und keine Phantasie, sondern Wirklichkeit.

Spitta hat diese Wahrheit in dem Lied zum Ausdruck gebracht:

Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben.
Nicht Erdennot und Erdentand soll mich daraus vertreiben.
Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält,
wird wohlbehalten bleiben.

Eine Wahrheit ist noch unerwähnt. Gewiß ist, daß Gott in seinem Sohn nach uns greift. Wir haben die Möglichkeit, diese angebotene Hand zu ergreifen. Wir können sie aber auch ablehnen. In einem zeitgenössischen Stück von Karl Zuckmayer mit dem Titel »Des Teufels General« ist diese Möglichkeit beschrieben. Der General sagt zu dem Hauptmann: »Ich habe seine Hand nicht ergriffen, aber das lag an mir. Ich habe eine andere erfaßt.« Das ist immerhin ein ehrliches Bekenntnis, das von Tausenden von Namenchristen erwartet werden könnte. Aber es ist ein schauerliches Bekenntnis: die ausgestreckte Hand des Herrn abgelehnt. Wollen wir nicht einer solchen Katastrophe entgehen? Geben wir uns doch Rechenschaft darüber! - Allen, die es wagen, sich von der ausgestreckten Hand Jesu ergreifen zu lassen, gilt die Verheißung:

 

Er wird dich nicht versäumen, er weiß die rechte Zeit.
Wie auch die Wasser schäumen mit wilder Mächtigkeit.
Wenngleich vor Gischt verschwänden das Leben und die Welt,
er hat dich doch in Händen. Der alle Himmel hält.

 

Er hat dich doch in Händen, der alle Himmel hält. Das ist die Lösung der Angstfrage.

Einsamkeit

Wir leben im Westen Europas in einer Zeit ungeheuren Aufschwungs. Das kulturelle Leben, die sozialen Planungen und der Lebensstandard haben eine Höhe erreicht wie kaum je zuvor in der europäischen Geschichte. Wo viel Licht ist, sind die Schatten um so dunkler. Die Psychiater, die Eheberater und die Seelsorger wissen um die Kehrseite. Sie sehen in die Not zerbrochener Lebensschicksale hinein. Aus dieser Bedrängnis und Not angefochtener Menschen heraus ist es mir geradezu zu einem Auftrag geworden, über die Einsamkeit des Menschen zu sprechen.

* Zufallsbild *I. Formen der Einsamkeit

Die Einsamkeit hat ein vielfaches Gepräge. Ich will das an dem Leben biblischer Gestalten zeigen.

1. Die erste Gestalt, die in unseren Gesichtskreis treten soll, ist Kain, Wir haben seine Geschichte in 1. Mose 4. Ich sage nur, was uns schon allen bekannt ist. Abel war ein gottesfürchtiger Mann. Sein Opfer war Gott angenehm. Kain war ein wilder Geselle, der wenig nach Gott fragte und für alle Leidenschaften offen war. Auf dem Feld suchte er mit seinem Bruder Streit. In seinem Jähzorn griff er zur Hacke und erschlug seinen Bruder. Da stellte ihn Gott mit der Frage: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Der Mörder gab eine trotzige und unehrliche Antwort: »Ich weiß es nicht. Soll ich meines Bruders Hüter sein?«

Was sagt diese Geschichte aus über die Einsamkeit des Menschen? Kain hat sich selbst seines Bruders beraubt. Und durch diesen Mord kann er auch seinen Eltern nicht mehr unter die Augen kommen. Auch das Angesicht Gottes muß er meiden, denn jede Schuld trennt von Gott. Unstet und flüchtig - das war das Los dieses jähzornigen Mannes.

Wodurch ist seine Einsamkeit entstanden? Durch seine Schuld. Damit haben wir das stärkste Motiv der Einsamkeit, das es überhaupt gibt: Einsamkeit durch persönliche Schuld.

Sünde macht einsam. Schuld stößt aus der Gottesgemeinschaft. Sünde sondert ab. Damit sind wir bei einem Punkt, der in unser aller Leben eine entscheidende Rolle spielt. Wir sind schuldig geworden an der eigenen Familiengemeinschaft, schuldig geworden an Gott, schuldig geworden am Bruder. Gott sagte dem Kain: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.« Wie wird es sein, wenn wir einmal in der Ewigkeit merken, wie vielen Menschen wir zum Ärgernis geworden sind?

* Zufallsbild *2. Betrachten wir ein zweites Lebensbild der Bibel, die Geschichte der Hagar (1. Mose 16). Als Sara, Abrahams Ehefrau, keine Kinder gebar, gab sie nach der Sitte der damaligen Zeit ihre Magd Hagar ihrem Ehemann zur Frau, damit die Nachkommenschaft gesichert wurde. Hagar erwartete ein Kind. Das Bewußtsein, daß sie mit ihrem Kindersegen Sara überlegen war, machte diese Magd hochmütig. Sie wurde gegen ihre Herrin stolz. Diese Haltung mußte notgedrungen zu einer Auseinandersetzung führen. Sara beklagte sich bei ihrem Mann über die Magd. Abraham ließ seiner Frau freie Hand. Hagar spürte die kommende Demütigung und floh in die Wüste. Sie war nicht bereit, sich unter ihre Herrin zu beugen. Sie zog die Wüste, die Einsamkeit, die Flucht vor.

Wir haben hier ein zweites Motiv, eine zweite Ursache der Einsamkeit: der ungebrochene Stolz, der unbeugsame Hochmut. Hochmut isoliert, Hochmut zerstört die Gemeinschaft mit den Mitmenschen. Hochmut schafft Distanz. Wir wissen es alle, daß wir uns unwillkürlich innerlich von einem hochmütigen Menschen abwenden.

Station Wüste, Station Einsamkeit, grenzenlose Unsicherheit war die Lage der hochmütigen Hagar. Sollte unser eigener Hochmut etwa andere Früchte bringen? Wie viele Kontaktmöglichkeiten haben wir uns durch Hochmut zerschlagen! Verlassen wir die Hagargeschichte. Wir bekommen noch weitere Ursachen unserer Einsamkeit gezeigt.

3. Vergegenwärtigen wir uns den Höhepunkt der Abrahamgeschichte. Abraham hatte Isaak, den Sohn der Verheißung erhalten. Er liebte ihn, wie nur ein Vater seinen einzigen Sohn lieben kann. Und dieser Sohn sollte der gewaltige Prüfstein werden, mit dem Gott seinen Knecht erprobte. In 1. Mose 22 heißt es: »Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den. du liebhast, und gehe hin und opfere ihn zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir sagen werde.«

Können wir ermessen, was im Herzen dieses Mannes vorging? War nicht Isaak der verheißene Erbe, in dem ihn Gott segnen wollte? Doch der heimgesuchte Vater schob alle Zweifel weg und machte sich mit dem Sohn auf den Weg.

* Zufallsbild *Wie schleppte er sich mit zögernden Schritten den Berg Morija hinauf. Wie schnitt ihm die Frage des Jungen in die Seele: »Hier ist Feuer, hier ist Holz, wo ist das Schaf?« Ging nicht der Vater hier seinen Weg nach Gethsemane und Golgatha?

Er schichtete das Holz auf. Da legte er die Hände an seinen Sohn. Sah er nicht den angstvollen Blick des Jungen? Er griff zum Messer. Wäre es ihm nicht lieber, er könnte sich das Messer selbst ins eigene Herz stoßen und nicht in das Herz des Sohnes? Was waren das für Augenblicke! Befand er sich in diesem maßlosen Leid nicht in grenzenloser Einsamkeit? Kein Trost wollte haften. Kein Mensch konnte ihm helfen. Die Knechte hatte er eine Tagesreise weit zurückgelassen. Zwischen Gott und ihm stand das Gebot: Du sollst deinen Sohn opfern! Mußte er nicht einem solchen Gott den Gehorsam kündigen? Wie konnte Gott ihm das Härteste abverlangen?

Niemand von uns versteht, in welcher Einsamkeit sich Abraham auf Morija befand. Wer hatte ihn in diese Einsamkeit gebracht? Gott selbst, der seinen Glauben und Gehorsam prüfen wollte.

Wir haben hier die Station der Einsamkeit durch den Willen Gottes herbeigeführt, der uns die schwerste Probe des Glaubens nicht ersparen will.

4. Wir spüren noch mehr Männer der Einsamkeit auf. Elia in 1. Könige 19. Der Prophet hatte das gewaltige Gottesurteil auf dem Karmel erlebt. Wie hatte er Gottes Arm bewegen dürfen! Und nun floh dieser Gottesstreiter vor den Drohungen einer Frau.

Frauen können hassen, Frauen können verfolgen, Frauen können den Lebensmut nehmen. So weit war Elia. Er lief in die Wüste, in die Einsamkeit, die ihn verbergen sollte vor den Häschern seiner Feindin. Unter den Wachholder setzte sich der müde Mann. »Herr, ich habe genug! Nimm meine Seele! Ich bin am Ende.« Seinen Diener hatte er zurückgelassen. Wie sollte ihm ein Mensch in dieser Einsamkeit seiner Seele auch helfen können!

* Zufallsbild *Ist Elia nicht Tausenden von Boten Gottes mit dieser Seelennot zum Vorbild geworden? Welcher Bote des Herrn ist auf dieser Station der Einsamkeit noch nicht angelangt? Verfolgung, üble Nachrede, Widerstand aus den eigenen Reihen machen einsam. Wie viele Kinder Gottes sind schon innerlich am Boden gelegen, weil sie die aufgebürdeten Lasten nicht mehr tragen konnten! - Es gibt noch mehr Stationen der Einsamkeit.

5. Lassen wir uns vom König Hiskia eine Lektion geben. Jesaja 38 ist es erzählt. Der Prophet Gottes war zu ihm gekommen mit der Botschaft: »Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben!« Vorbei war es nun mit seiner Königsherrlichkeit! Er, dem viele Diener bereitstanden, hat diesen letzten Weg allein zu gehen. Auch die liebsten Menschen müssen zurückbleiben, wenn wir das letzte dunkle Tal zu beschreiten haben. Einsamkeit auf dem letzen Weg! Nichts kann diese Einsamkeit am deutlichsten zeigen als dieses Allein-gelassen-Werden. Darum wandte sich Hiskia zur Wand, betete und weinte vor dem Herrn. - Auch uns steht dieses letzte Alleingelassen-Werden einmal bevor. Die Einsamkeit in den Todesschatten der Ewigkeit.

6. Es gibt noch andere Stationen. Hören wir die

Lektion, die uns Hiob gibt. Wir wissen, was dieser vorbildliche Leidensmann alles ertrug. Seine zehn Kinder wurden getötet. Sein Vermögen geraubt. Verlust seiner Gesundheit und das Schlimmste zuletzt. Er verlor die Liebe und das Vertrauen seiner Frau. Sie sprach zu ihm: »Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ja, sage Gott ab und stirb!« Seine Frau war ihm keine Hilfe, sondern eine Belastung. Wenn ein Mensch in seiner Liebe getroffen wird, so wird er damit an der empfindlichsten Stelle erreicht und verletzt. Diese Einsamkeit ist fast am schwersten zu ertragen.

Kürzlich las ich in einer Statistik, daß Deutschland einen Frauenüberschuß von drei Millionen hat. Wieviel erschütternde Not verbirgt sich hinter dieser Zahl! Menschen, die sich nach Liebe sehnen und ihr Ziel nicht erreichen!

* Zufallsbild *7. Hören wir noch von einer siebten Station der Einsamkeit. Der Evangelist Johannes führt uns in Kapitel 5 an die Hallen vom Teich Bethesda. Fünf Hallen voll mit Kranken! Lahme, Sieche, Blinde, Krüppel, ein Heer des Elends! Darunter einer, der schon 38 Jahre auf Heilung wartete. Wer kann ermessen, was eine 38jährige Leidenszeit alles in sich schließt. Diese schlaflosen Nächte, diese unheimliche Wartezeit! Diese Enttäuschungen, wenn stets ein anderer vor ihm in den heilkräftigen Sprudel stieg!

Und nun trat eines Tages Jesus in diese Hallen. Er blieb vor dem langjährigen Kranken stehen und fragte: »Willst du gesund werden?« Was war die Antwort? »Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich läßt.« Umgeben von fünf Hallen voll Menschen, und doch war keiner für ihn da.

Man kann umringt sein von Menschen, und doch können wir grenzenlos einsam sein. Keinen Menschen, der uns liebhat, keinen Menschen, der uns ganz gehört, keinen Menschen, der mitträgt, der mithilft. Das kommt alles in diesem klassischen Bekenntnis zum Ausdruck.

Wir haben damit sieben Stationen der Einsamkeit abgeschritten. Wir sind dabei nur der Reihenfolge der biblischen Bücher gefolgt. Bei Kain war es die Einsamkeit durch Schuld, bei Hagar Einsamkeit durch ihr ungebeugtes Wesen. Bei Abraham Einsamkeit in einer gewaltigen Glaubensprobe, bei Elia Einsamkeit durch die Verzagtheit, bei Hiskia die Einsamkeit in der Todesnot, bei Hiob die Einsamkeit, als selbst seine Frau ihn noch im Stich ließ, und zuletzt der namenlose Kranke am Teich Bethesda mit seinem Bekenntnis: Ich habe keinen Menschen. Es gibt noch mehr solcher Stationen der Einsamkeit. Doch wollen wir uns beschränken.

Wir legen nun diese Formen der Einsamkeit wie ein unerledigtes Aktenbündel Gott auf den Tisch und bitten: »Nun gib du uns eine Antwort auf diese Einsamkeit! Lasse du uns nicht auch allein, sonst sind wir tatsächlich verloren!«

* Zufallsbild *II. Überwindung der Einsamkeit

Gott hört diese Bitte aus einem gequälten Herzen. Er läßt uns nicht allein. Hören wir, wie er diesen sieben Menschen begegnet ist, von denen wir kurz gesprochen haben.

1. Wir haben noch einmal die Kain-Geschichte aufzurollen. Nach dem Mord stellte ihn der Herr mit der Frage: »Kain, wo ist dein Bruder?« Warum eigentlich diese Frage? Gott wußte doch, was Kain getan hatte. Bricht hier nicht mitten in der Mordgeschichte ein Evangelium auf? Gott hätte den Mörder laufen lassen können. Er hätte ihn den Qualen seines Gewissens und seiner Unruhe überlassen können. Statt dessen gibt er sich mit dem Brudermörder ab. Gott mußte die Tat verurteilen, und doch ist der Täter bei ihm noch nicht abgeschrieben. Mitten im Gericht darf der Mörder die Barmherzigkeit Gottes erleben, denn Gott macht ein Zeichen der Verschonung an die Stirn des Verbrechers.

Darin liegt auch für uns eine wunderbare Botschaft. Wenn wir durch unsere Schuld einsame und unstete Menschen geworden sind, so sind wir doch noch nicht abgeschrieben. In unserer Einsamkeit will uns der Herr begegnen mit seiner Vergebung um Hilfe.

2. Wie hat nun Hagar die Überwindung ihrer Einsamkeit und Verzweiflung erlebt? Der Engel des Herrn trat ihr in den Weg und stellte sie: »Hagar, wo kommst du her, wo willst du hin?« Ehrlich antwortete die Flüchtige: »Ich bin auf der Flucht.« Dann erhielt sie die Anweisung: »Kehre um und demütige dich.« Das war handfeste Seelsorge. Die Einsamkeit in der Wüste überwunden durch die Umkehr. - Im Leben aller Menschen ist das das beste Rezept: »Stop, halt, kehre um, demütige dich!« Einsamkeit, die durch die Flucht vor Gott entstanden ist, wird nur überwunden durch Buße, Gehorsam und Umkehr.

* Zufallsbild *3. Wie wurde Abraham Herr über seine unsagbare Seelennot? Von den alttestamentlichen Gottesmännern hatte er wohl die härteste Prüfung zu bestehen. Das Schlachtmesser gegen den einzigen Sohn zu erheben! Wie kann ein Vater das innerlich bewältigen? Und doch gab ihm der Herr Gnade zu diesem äußersten Gehorsamsweg. Das sollte er nicht bereuen. Bei erhobenem Messer hörte er den Ruf: »Abraham! Lege deine Hand nicht an den Knaben!« Der junge war damit gerettet. Der Vater seiner entsetzlichen Seelenqual enthoben! Und er sah den Bock in den Dornen hängen, der dafür geopfert wurde.

Das ist das Urbild des Gotteslammes. Das Gotteslamm in den Dornen fing den Todesstoß auf. Wir elenden Menschen mit unserer Seelennot kommen daran zur Ruhe. Das Gotteslamm in den Dornen erlitt für uns den Stoß. Wir stehen nicht allein. Es ist einer da, der unsere Verzweiflung auf sich genommen hat.

4. Wie wurde Elia mit seiner Verzagtheit und seiner Einsamkeit fertig? Die Hilfe kam nicht aus seiner erschöpften Seele. Die Hilfe kam nicht von lieben Menschen, sondern vom Herrn selbst. Der Engel des Herrn rührte ihn an und sprach: »Steh auf, iß, denn du hast einen weiten Weg vor dir!« Wie kann der Herr so wunderbar aufrichten! Er rührt ihn an. Er gibt eine leibliche Stärkung und erteilt ihm einen neuen Auftrag. Das ist eine dreifache Hilfe. Er stellte zuerst den Kontakt mit der oberen Welt her. Dann sorgte er für das leibliche Wohl. Zuletzt gab er seiner Seele mit dem Auftrag neue Flügel. Wenn wir am Nullpunkt sind, dann weiß der Herr so wunderbar zu helfen.

* Zufallsbild *5. Wie hat Hiskia seine Einsamkeit und Todesnot bewältigt? Jesaja, der Prophet, erhielt einen Auftrag Gottes: »Gehe hin und sage Hiskia, ich habe dein Gebet und Tränen gesehen. Siehe, ich will deinen Tagen noch 15 Jahre zulegen.« Zulage Gottes! Damit war die Einsamkeit des Königs behoben. Und der Geheilte schenkte uns das Danklied: »Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe, denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.«

6. Hiob ist uns auch eine Antwort schuldig, wie er mit seinen Heimsuchungen und seiner Verlassenheit fertig geworden ist. Nachdem er mit Gott gehadert hatte über seinem schweren Schicksal, tat er Buße. In Hiob 42, 6 heißt es: »Ich spreche mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.« Nach dieser Buße führte der Herr seinen Knecht aus seiner Trostlosigkeit heraus. In Hiob 42, 10 wird berichtet: »Der Herr wandte das Gefängnis Hiobs, und der Herr segnete ihn mehr denn zuvor.« Hiob wurde es dann geschenkt, wieder eine große Familie aufzubauen. Er erlebte Enkel und Urenkel. Es wurde ihm alles wiedererstattet, was er zuvor verloren hatte. Das Beispiel Hiobs zeigt uns, daß die ernsthafte Buße aus der Einsamkeit und Verlassenheit herausführt.

7. Und nun hat uns noch der namenlose Kranke am Teich Bethesda zu erzählen, wie es ihm ergangen ist. Sein Bekenntnis: »Ich habe keinen Menschen«, ist wohl das Ergreifendste, was ein Verlassener in seiner grenzenlosen Isolierung sagen kann. Er ist der namenlose Bruder zu all den namenlosen Brüdern und namenlosen Schwestern in der weiten Welt, die in der Einsamkeit seelisch darben, die ihren Schmerz zu verschließen haben und nach jeder Nacht in einen mitleidlosen Alltag hineingehen.

Und doch gab es auch für diesen Namenlosen eine Lösung, die beste, die es geben kann. Jesus trat in sein Leben.

* Zufallsbild *Das ist die beste Antwort für alle Einsamen, Gestrandeten, Heimgesuchten, Verzweifelten, daß Jesus in unseren Lebenskreis tritt. Wenn unser Leben aus lauter Enttäuschungen zusammengesetzt sein mag, der Eine wird fertig mit diesem tausendfältigen Jammer. Jesus versteht uns, weil er selbst alle Tiefen der Verlassenheit durchkostet hat.

Denken wir nur an zwei Stationen im Leben Jesu. In Gethsemane, als die Verzweiflung nach ihm griff, rechnete Jesus mit seinen drei Lieblingsjüngern. Während er aber in tiefster Seelennot auf den Knien lag, schliefen seine Jünger. Der Einsame rief aus: »Ach, könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen und beten!« Das zeigt uns, daß es Anfechtungen gibt, bei denen selbst die uns liebsten Menschen nicht mehr mitgehen können. Zu der persönlichen Einsamkeit noch die Enttäuschung durch die, die uns am nächsten stehen! Das hat Jesus erlebt, darum versteht er uns.

Ja, es ist ihm noch Ärgeres widerfahren. Am Kreuz ging es nicht mehr um die Enttäuschung durch Menschen, sondern sogar um den Fluch der Gottesferne. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« In Gethsemane von Menschen verlassen, am Kreuz von Gott verlassen! Damit hatte Jesus den äußersten Tiefpunkt der Verlassenheit erreicht.

Sollte dieser Einsame von Gethsemane, dieser Todeseinsame vom Kreuz uns nicht verstehen können? Wer im Leben härteste Schläge hinnehmen mußte - da ist einer, den es noch schlimmer traf. Darum versteht er uns. Darum können seine Schultern unsere Lasten tragen. Dieser Einsame ruft uns zu (Hebr. 13, 5): »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.« Er macht uns Mut mit seinem Wort (Jes. 49, 23): »Du wirst erfahren, daß ich der Herr bin, an welchem nicht zuschanden werden, die auf mich harren.«

 

Beschämt nicht Gottes Heil und Hort!
Er will sich gern erbarmen.
Nehmt ihn getrost bei seinem Wort
und ausgestreckten Armen!

Er ist kein Mensch, daß er versagt,
was er uns zugesprochen.
Er hört die Stimme, die ihm klagt,
und heilet, was zerbrochen.

 

* Zufallsbild *Es gibt viele Einsame, die bekennen müssen: »Ich habe keinen Menschen.« Wer es aber im Glauben fassen und erleben kann: »Ich habe Jesus«, dem ist geholfen. Paul Gerhardt weiß um diesen Trost. Er schenkte uns den Vers:

 

Hoff, o du arme Seele,
hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
da dich der Kummer plagt,
mit großen Gnaden rücken.
Erwarte nur die Zeit,
so wirst du schon erblicken
die Sonn der schönsten Freud.

Unsicherheit

Auf dem Giebel eines alten Fachwerkhauses las ich einmal den bekannten Spruch:

Ich lebe und weiß nicht wie lange.
Ich sterbe und weiß nicht wie.
Ich fahr und weiß nicht wohin.
Mich wundert"s, daß ich noch fröhlich bin.

* Zufallsbild *Dieser Spruch drückt die Ungewißheit und Unsicherheit des menschlichen Lebens aus. In dem Drama von Heinrich von Kleist »Die Hermannsschlacht« wird es noch anders ausgedrückt:

 

Woher komme ich - aus dem Nichts!
Wohin gehe ich - in das Nichts!
Wo stehe ich? - drei Schritt vom Grabe.

 

Ist es nicht verwunderlich, daß Kleist aus dieser Haltung die Konsequenz zog und im Freitod endete? Die Unsicherheit hat viele Formen. Untersuchen wir einmal die wichtigsten.

I. Die Unsicherheit unseres Lebens.

Einer unserer Philosophen sagte: »Die Ungewißheit und Unsicherheit ist die Grundbefindlichkeit des menschlichen Seins.« Wenn wir danach fragen, was dieser Philosoph damit meint, dann erhalten wir als Erklärung: »Wir sind auf dieses Eiland Erde geworfen. Es wurde über uns verfügt, denn wir sind nicht mit unserem Willen in diese Welt gestellt.«

1. Wir haben damit die Feststellung, daß nicht der eigene, sondern ein fremder Wille zu unserer Entstehung und Geburt führte. Dieser Eintritt in das menschliche Dasein ist von einem ganzen Komplex von Unsicherheitsfaktoren umgeben. »Was will aus dem Kindlein werden?« steht über jedem Neugeborenen. Der Säugling weiß davon zunächst nichts, aber er reagiert auf seinen Eintritt in diese Welt mit Geschrei. Wie soll dieses erste Geschrei verstanden und gedeutet werden?

Der Mediziner würde sagen: »Die Natur hat es so eingerichtet, daß das Neugeborene schreit, denn die Lungen müssen in Tätigkeit kommen.« Der Psychologe wird vielleicht darauf hinweisen, daß das neugeborene Kind schreit, weil der Lebenskreis des Kindes sich vom Mutterkreis zu lösen beginnt.« Ein Theologe könnte vielleicht vermerken, daß das Neugeborene schreit, weil es instinktiv ahnt, daß es aus der Geborgenheit Gottes, aus der unbehelligten Atmosphäre der Ewigkeit herausgenommen und hineingestellt ist in eine harte, mitleidlose Welt. Ist damit alles erwähnt, was Mediziner, Psychologe und Theologe uns zu sagen haben? * Zufallsbild *Nein. Könnten wir ein Neugeborenes fragen und hätte es schon den Verstand zu antworten, dann würden wir als erste Antwort erhalten: »Ich habe Angst vor dieser Welt, Angst vor dem, was das Leben mir bringen wird. Ich habe die Geborgenheit des Mutterschoßes eingebüßt und finde mich jetzt in dieser neuen Situation nicht zurecht.« Das ist das Zunächstliegende. Das Geschrei des Neugeborenen ist die symbolische Tat der Unsicherheit. Hiob sagt in dichterischer Form dazu: »Der Mensch, vom Weib geboren, ist voll Unruhe.« In einem Gegenwartslied heißt es:

 

Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit
gespült ans Erdeneiland,
voll Unruh und voll Herzeleid,
bis heim uns holt der Heiland.

 

2. Einen ähnlichen Sachverhalt wie bei der Geburt des Menschen treffen wir beim Sterben an. Der Sterbende ist umringt von denen, die ihm nahestehen. Manche Hilfeleistungen können sie ihm noch geben. Man schüttelt ihm die Kissen, man benetzt seine trockenen Lippen. Vielleicht stellt der Arzt noch ein Atemgerät auf. Unter Umständen gibt man eine betäubende Spritze, um den Kampf zu erleichtern. Muß der Sterbende aber nicht bei allen kleinen Handreichungen seinen Weg ganz allem gehen? Keiner kann ihn begleiten, und wäre es auch der liebste Mensch. Keiner kann ihm den Weg beschreiben. Keiner kennt - menschlich gesprochen - das Ziel. Keiner weiß im Grunde, wie das Totenreich oder Paradies beschaffen ist. Der Sterbende betritt Neuland. Eine grenzenlose Unsicherheit umfängt ihn. Vergessen wir nicht, daß das alles aus menschlicher Perspektive geredet ist. Wie der Start ins Leben, so ist auch der Abgang von der Bühne des Lebens in Ungewißheit und Unsicherheit eingebettet. * Zufallsbild *Thomas Hobbes, der englische Deist, Publizist und Philosoph, drückte das in seinem Todeskampf so aus: »Ich bin dabei, einen Sprung ins Finstere zu tun.« Der Abgang ins Finstere! Besser kann diese trostlose Unsicherheit nicht mehr gekennzeichnet werden. Zu dieser Unsicherheit des Lebens, die in vielen Möglichkeiten beschrieben werden könnte, möchte ich über einen zweiten Bereich der Unsicherheit berichten.

II. Die Unsicherheit der Weltlage

Manche Journalisten oder Missionare, die die Weit bereisen, gebrauchen für die Situation der Gegenwart den Ausdruck Chaos. Andere sprechen von einem Hexenkessel oder von übermächtigen Verhängnissen. Im Zusammenhang meiner Darlegung möchte ich von einer globalen Völkerwanderung reden. Was ist damit gemeint?

Als ich im Westen Kanadas evangelisierte, traf ich viele Deutsche, die erst nach dem letzten Krieg Deutschland verlassen haben. Ich fragte sie nach dem Motiv ihrer Auswanderung. Sie antworteten: »Der Russe steht im Herzen Deutschlands. Tausende von Panzern sind bereit, mit denen der Russe in zwei Stunden durchstoßen und Frankfurt erreichen kann. Wir haben einmal den Schlamassel mitgemacht. Den zweiten wollten wir uns ersparen.« Immerhin ein Standpunkt!

Es dauerte nicht lange, da kam ich auch mit vielen Kanadiern ins Gespräch. Manche von ihnen haben Auswanderungspläne, und viele an der Westküste werden von Sorgen umgetrieben. Sie sagen: »Wer garantiert uns, daß nicht der Russe eines Tages über die Beringstraße herüberkommt und uns von oben her überrollt?« Ich fragte: »Wie wollt ihr ausweichen?« Sie antworteten: »Nach Australien auswandern.«

* Zufallsbild *Ich evangelisierte aber auch in Australien. Dr. Werry, der Leiter der Ambassadors for Christ, der mich eingeladen hatte, erzählte mir, daß viele Australier in eine Angstpsychose geraten seien. Sie fühlten sich bedrängt, weil der Weltkommunismus immer näher heranrückt. Rotchina streckt seine Fühler nach Korea aus, nach Burma, nach Kambodscha. Indonesien war lange Zeit durch Sukarno im kommunistischen Fahrwasser. Inzwischen wurde er entmachtet. Neuguinea, das Vorwerk von Australien, war schon das Vorfeld kommunistischer Agententätigkeit. Von Neuguinea ist es nur noch ein Sprung bis zum australischen Kontinent. Aufschlußreich war für mich die Aussage Dr. Werrys, daß vermögende Australier einen Teil ihres Vermögens nach Südafrika schaffen. Manche siedeln dorthin um.

Afrika war schon mehrmals das Ziel meiner Reisen. Allein in Südafrika hatte ich in 15 Städten Evangelisationen und damit Gelegenheit, mit den verschiedensten Leuten zu sprechen. Oft traf ich dabei auf weiße Südafrikaner, die den Wunsch und Plan hatten, nach Südamerika auswandern zu wollen.

Die Strömungen und Bewegungen Südamerikas sind mir durch zwei Vortragsreisen auch geläufig. Auch dort gibt es Kämpfe um kommunistische Ideen und Entwicklungen. Ich fragte mich nur, wo will der Südamerikaner hinsiedeln, wenn es brenzlig wird? Es schien mir fast wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Mir sagten deutschstämmige Siedler in Brasilien, sie möchten nach Deutschland zurückkehren und dort bleiben. Sie hätten die Nase so voll.

* Zufallsbild *Ist das nicht ein Ansatz zu einer globalen Völkerwanderung? Leben wir nicht alle in einem Karussell? Der Deutsche wanderte aus nach Kanada. Der Kanadier nach Australien. Der Australier nach Südafrika. Der nach Südamerika. Der Südamerikaner nach Deutschland. Immer reihum! Was ist das Motiv, was ist die Triebfeder einer solchen Entwicklung? Nur die Angst und die Unsicherheit! Die Menschheit hat heute das Gefühl, als tanze sie auf einem brodelnden Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Wenn noch ein Vergleich gewagt werden kann, dann der eines überbeanspruchten Stromnetzes. Wenn eine Leitung zu sehr belastet wird, brennen die Sicherungen durch. Durch die dauernd wachsenden Unsicherheitsfaktoren wird die Überspannung so groß, daß es in der Weltpolitik jederzeit zum Kurzschluß kommen kann. Ein solcher Kurzschluß kann eine Katastrophe für die ganze Menschheit werden.

Wir könnten noch viele Linien der Unsicherheit aufzeigen. Es fehlt aber die Zeit dazu. Angesichts dieser geballten Ladungen, die wie Tretminen in unserem Weg liegen und uns dauernd bedrohen, fragen wir:

III Und der Ausweg?

Welche Stärke und Beschaffenheit müssen unsere Sicherungen haben, damit sie nicht durchbrennen?

1. Es gibt Wege der Selbsthilfe.

Ich will sie nur kurz andeuten, um mir nicht die Zeit zu rauben.

* Zufallsbild *a) Ich bereiste einige Male Ostasien und kam mit dem Joga und den Jogi in Berührung. Es sind Menschen, die es sich etwas kosten lassen, um zu innerer Harmonie des Leibes und der Seele zu kommen. Mitunter sind es schauerliche Wege, die sie gehen. So wurde mir berichtet von den Feuergängern, die monatelang meditieren und sich seelisch trainieren, um gegen jeden Schmerz gefühllos zu werden. Ich ließ mir sogar von einem ehemaligen Feuergänger in Japan persönlich davon berichten. -Inzwischen ist der Joga zu einer Modebewegung in der ganzen Welt geworden. Man spricht von einer »selfrealisation«, von einer Selbstverwirklichung.

b) Ich kam auch oft mit den Mohammedanern in Berührung. Der Islam hat viele Gesichter, von dem genußfreudigsten angefangen bis hin zum asketischen. Unter den lebenverneinenden möchte ich die Sufi nennen, die auf Ehe, Alkohol und Fleisch verzichten, um sich abzuhärten und sich eine Anwartschaft für ein höheres Leben zu sichern.

c) Auch im deutschen Raum gibt es Versuche der Selbsthilfe. Die deutsche Mystik hat hehre Gestalten hervorgebracht, die einen guten Namen haben. Nennen wir als Beispiel Meister Ekkehardt. Um was geht es in der Mystik? Das Gottesfünklein in uns soll zur Flamme angefacht werden. Ziel ist die unio mystica, die mystische Vereinigung mit Gott.

d) Es gibt noch andere Strömungen. Nennen wir die Idealisten und die Nihilisten. Um was geht es ihnen? Das Gute im Menschen muß gefördert werden. Der Mensch muß sich in Gewalt bekommen, muß seine körperlichen Kräfte und seelischen Regungen meistern lernen.

* Zufallsbild *Bei all diesen Strömungen und vielen anderen dieser Art geht es nur um eines: das Idealbild Mensch muß in eigener Kraft geschaffen werden. Es sind im Grunde genommen Wege der Selbsterlösung. Der Engländer hat dafür in neuerer Zeit den Ausdruck »selfexpression«. Der Mensch hat für die Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit zu sorgen. - Brechen wir hier alle diese Methoden ab. Diese Versuche sind nur eine Hühnerleiter, mit der man nicht den Himmel erreicht. Als die Jünger einmal entsetzt den Herrn fragten: »Ja, wer kann denn selig werden?« da antwortete der Herr: »Bei den Menschen ist es unmöglich!« Der Mensch kann sich nicht dem Chaos gegenüber sichern. Er kann sich nicht an den eigenen Haaren aus der Grube ziehen. Vielleicht erinnern Sie sich an die drei Bilder des chinesischen Malers, von dem im ersten Vortrag die Rede war.

2. Welches ist nun der richtige Weg? Ertragen Sie eine harte Antwort? Es ist ein Bibelwort. Wir haben es schon oft gehört, darum wissen wir nicht, daß es ein hartes, ein ausschließliches Wort ist. Der Weg heißt Jesus - und nur Jesus allein! Der Herr sagte: »Ich bin der Weg! Ich bin die Wahrheit! Ich bin das Leben!«

Also nicht Buddha, nicht Konfutse, nicht Mohammed, nicht Goethe, nicht eine andere Geistesgröße, etwa das Universalgenie Leibniz, sondern Jesus allein. Nur er ist der richtige Weg. Alle anderen Wege sind Irrwege! Das ist eine bedrückende und aufreizende Einzigartigkeit! Die Apostelgeschichte sagt (4,12): »Es ist in keinem andern Heil, kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen errettet werden« -als der Name Jesus.

Eigentlich müßten wir jetzt ganz still werden, ehe wir weiterhören. Und der Heilige Geist müßte erst unser Herz öffnen. Sonst prallt die Botschaft wieder an uns ab, wie es vielleicht schon tausende Male in unserem Leben passiert ist.

* Zufallsbild *Kein anderer Name gilt vor Gott als der Name Jesus. Kein anderer Weg endet bei Gott als der Weg Jesus. Keine andere Errettung gibt es vor Gott als durch Jesus. Wir dürfen nicht in Superlativen reden, denn das hört sich von uns sündigen Menschen vor Gott lästerlich an. Machen wir es uns aber ganz nüchtern klar, daß es hier um Sein oder Nichtsein geht, um Himmel oder Hölle, um unsere ewige Verzweiflung oder ewige Geborgenheit.

3. Dieser Jesus ist unsere Errettung, wenn wir sie annehmen. Dieser Jesus ist unser Heil, wenn wir im Glauben das erfassen. Dieser Jesus bedeutet die Überwindung aller Unsicherheit, wenn wir uns ihm verschreiben. Man mag mir entgegenhalten: »Sind das nicht einfach unbeweisbare Postulate, die du da aufstellst?« Unbeweisbar sind diese Aussagen, aber Postulate der menschlichen Vernunft sind diese Aussagen nicht, sondern die beglückende Wahrheit Gottes, die sich nur dem Glauben erschließt. Jesus ist erlebbar, er ist erfahrbar. Das Ereignis, daß Jesus in unser Leben eintritt, ist so real wie die Schöpfung Gottes mit ihrer sichtbaren und unsichtbaren Gestalt. Den Weisen und Klugen ist das verborgen, dem kindlichen Glauben aber offenbar. Von diesem Ereignis der Jesusbegegnung kann man nur Zeugnis ablegen, man kann das in theologischen Diskussionen nicht erfassen und begreifen. Das ist der Grund, warum auch so viele Theologen zwar mit den allerschärfsten geistigen Waffen ausgerüstet sind und doch geistlich hoffnungslos blind sind. Jesus begreift nur der, dem sich der Herr selber offenbart. Von uns gibt es keine Brücke zu ihm, wohl aber von ihm zu uns. Und dieses große Geheimnis haben viele erlebt.

4. Ich muß jetzt einen Traum berichten, den mir einmal Wilhelm Busch erzählte, als ich in Essen bei ihm evangelisierte. Im Traum wurde Busch von einer weißen Gestalt in einen großen Himmelssaal geführt. Man sagte ihm: »Das ist die Kartei Gottes. Du hast die Erlaubnis, darin nach Namen zu suchen.« Busch machte sich daran und erlebte beim Suchen drei Überraschungen. Er fand erstens Namen, von denen er nie erwartet hatte, daß sie in der Kartei Gottes stehen. Er suchte ferner vergeblich nach Namen, von denen er annahm, daß sie darin stehen. Und seine größte Entdeckung war, daß er seinen eigenen Namen fand. Ich bin gewöhnlich kein Freund von Träumen. Die Bibel reicht mir. In diesem Fall ist der Traum das Gleichnis eines Jesuswortes: »Freuet euch, daß eure Namen im Himmel angeschrieben sind« (Luk. 10, 20).

* Zufallsbild *Ist das nicht Überwindung der Unsicherheit, wenn uns diese unbegreifliche Gewißheit geschenkt ist: »Ich stehe in der Kartei Gottes«? Das ist kein Größenwahn, sondern Erlebnis des Glaubens. Das ist keine Phantasterei, kein Pharisäismus, keine Vermessenheit, sondern die Freude der Kinder Gottes, eingetragen zu sein in den Büchern des Lebens. Verdient haben wir es nicht, wert sind wir es noch weniger, es ist ein reines Geschenk der Gnade Gottes. Aber Tausende haben das erlebt. Zunächst einmal die Männer der Bibel. Denken wir an Petrus, an den Zachäus, an die Sünderin, an den Zöllner Matthäus, an Paulus. Denken wir an die Männer der Kirchengeschichte, ein Augustin, ein Franz von Assisi, ein Luther, ein Zinzendorf, ein Spener, ein Hudson Taylor, ein Spurgeon und wie sie alle heißen. Es ist die Schar derer, die singen können:

 

Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib,
laß fahren dahin, sie habens kein Gewinn.
Das Reich muß uns doch bleiben.

 

Es ist die große Schar derer, die der Herr durch tausend Nöte und Bedrohungen, durch tausend Unsicherheiten durchbringt. Es ist die Schar derer, von denen es heißt: »Die sind"s, die gekommen sind aus großer Trübsal. Und sie haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes« (Offb. 7, 14).

Die Christus sich verschrieben haben, haben einen Herrn, der in allen Bedrohungen die Hand über sie hält. In Johannes 10, 28 sagt dieser Herr: »Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.«

Friedrich Traub singt in einem seiner Lieder:

 

Wie er mich durchbringt, weiß ich nicht;
doch dieses weiß ich wohl,
daß er, wie mir sein Wort verspricht,
mich durchbringt wundervoll.

 

* Zufallsbild *Das ist die Antwort auf alle möglichen und unmöglichen Bedrohungen und Unsicherheiten: »Wir haben einen Herrn, der uns durchbringt!« Er hat die Vollmacht und Gewalt dazu, denn Gott hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. Des Menschen Sohn hat die Macht, das ist die große Melodie des Markusevangeliums. Macht über Naturgewalten, Macht über die Schöpfung, Macht über die finsteren Geister, Macht über Satan, Macht über den Tod, Macht über die Menschen, die uns in Bedrängnis bringen, Macht über alle Unsicherheiten, die unseren Alltag, unser Leben umspielen. Des Menschen Sohn hat die Macht, er hat die Herrlichkeit, er hat das letzte Wort in der menschlichen Geschichte.

Sünde

1. Kor. 15, 56. 57: Der Stachel des Todes ist die Sünde. Die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesus Christus.

 

* Zufallsbild *Sünde? Ist das nicht ein überholter Begriff? Was ist Sünde? Fragen wir einen studierten Mann. Vor einigen Jahren wurde ich zu einem gemütskranken Pfarrer gerufen. Er war in Behandlung bei einem Psychotherapeuten. Dieser Mediziner brachte dem Theologen bei, daß Sünde nur ein Dressat seiner christlichen Erziehung sei. Also ihm nur anerzogen! In Wirklichkeit gäbe es keine Sünde. So sprach der Akademiker.

Was ist Sünde? Fragen wir einen jungen Maurer bei der Vesperpause auf der Baustelle. Er runzelt zuerst die Stirn und gibt dann überlegen lächelnd zur Antwort: »Sünde? Ich erinnere mich, daß meine verstorbene Großmutter gelegentlich ein solches Wort gebrauchte. Es muß wohl mit der Kirche zusammenhängen; denn der Pfarrer sprach auch davon. Ich habe aber damit nichts zu tun.«

Wir sind also noch keinen Schritt weiter. Sprechen wir also tatsächlich einen Theologen an mit der Bitte, uns eine unkomplizierte Antwort zu geben. Was ist Sünde? Vielleicht sagt man uns: ein schuldhaftes Verhalten gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen uns. Wir sind damit der Sache näher und wieder völlig ratlos. Das Fragen geht weiter: »Was ist Schuld?« Wo nehmen wir den Maßstab her, um Schuld zu beurteilen?

Was ist Sünde? Fragen wir einen modernen Biologen. Er sagt: »Es gibt keine Sünde im Sinn einer gegen Gott begangenen Schuld, sondern höchstens eine Kontaktstörung mit der kosmischen Harmonie.« Das klingt wunderbar! Haben wir uns heute eine Kontaktstörung mit der kosmischen Harmonie geleistet?

Was ist Sünde? Fragen wir ein junges Mädchen, damit auch die Weiblichkeit zum Wort kommt. Sünde? Sie überlegt, was sie sagen soll. Schließlich meint sie: »Sünde ist ein Diätfehler, wenn ich gegen die schlanke Linie sündige.«

* Zufallsbild *Wir sehen an dieser Fragerei, daß es gar nicht so einfach ist zu sagen, was Sünde ist. Letzten Endes kann überhaupt kein Mensch sagen, was Sünde ist. Sogar unser Gewissen kann abgewürgt sein. Wenn man mir sagt, daß das Wort Gottes uns beibringen kann, was Sünde ist, so halte ich dagegen, daß man 50 Jahre oder länger das Wort Gottes lesen oder hören kann, und wir haben nur eine formale Erkenntnis der Sünde. Wir können rein theoretisch angeben: »Mord ist Sünde, Ehebruch ist Sünde, Unzucht ist Sünde, Geiz ist Sünde, Hochmut ist Sünde.« Das kann man seelenruhig feststellen ohne inneres Beteiligtsein.

Wir sind in einer Sackgasse. Was ist Sünde? Von Menschen nehmen wir nichts an. Unser Gewissen schweigen wir tot. Gegen das Wort Gottes sind wir abgestumpft. Was nun? Setzen wir dieses Thema einfach vom Programm ab?

I. Das Zeugnis des Heiligen Geistes über unsere Sünde und ihre Überwindung

Es gibt eine Stelle, die uns beibringen kann, was Sünde ist. Gehen wir dieser Frage nach.

1. Zunächst stellen wir fest, daß es Männer der Bibel und der Kirchengeschichte gibt, die mit dieser einen Stelle in Berührung gekommen sind.

König David, der mit seinem Begehren so ungestüm und sicher war, erlebte unter der Wirkung des Heiligen Geistes seinen Zusammenbruch. Wir kennen sein ergreifendes Bußgebet in Psalm 51: »Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.«

Der Priester und Prophet Jesaja, der gewiß in seiner Lebens- und Amtsführung ein untadeliger Mann war, wurde vor das Angesicht Gottes gestellt und erlebte dann einen Zusammenbruch. Er rief aus: »Weh mir, ich vergehe, ich bin ein Mensch unreiner Lippen!«

Die eine Stelle, wo der Mensch erfährt, was Sünde ist, ist der Heilige Geist. Wer mit ihm in Berührung kommt, dem vergeht das Fragen. So erlebte es der verlorene Sohn auf der Sauweide. So erging es Augustin. So erlebte es Luther, als er ausrief: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. So erfuhren es alle die Glaubensboten, deren Name bekannt ist.

* Zufallsbild *2. Wir wissen nicht, was Sünde ist, solange uns nicht der Heilige Geist in die Enge treibt. Das formale Wissen um die Sünde, das äußere Erkennen nützt uns nichts. Dieses äußere Wissen erfahren wir auch durch die menschliche Moral oder durch irgendeine Gesetzgebung oder durch die Erziehung. Das alles ist nur Vorarbeit. Mit diesem äußeren Wissen stehen wir nur im Vorhof. Es geht in unserem Leben um ein ganz anderes Ereignis; daß die Stunde kommt, in der wir die Ausweglosigkeit unserer Schuld erkennen. Es ist der Augenblick, da Gott uns die fromme Maske vom Gesicht reißt, mit der wir unser Elend tarnen.

Ich will dazu ein technisches Beispiel erzählen. Bei dem ersten H-Bomben-Versuch der Amerikaner befanden sich die leitenden Physiker und Ingenieure in 12 Kilometer Entfernung in einem Bunker. Als Schutz gegen das zu erwartende grelle Licht besaßen sie schwarze Brillen. Als der Lichtkegel der Explosion sich zeigte, war der Brillenschutz nicht ausreichend. Sie schlossen die Augen. Es reichte immer noch nicht. Sie hielten die Unterarme vor die Augen. Und das Licht drang immer noch durch. Sie sahen wie in einem Röntgenschirm die Knochen ihrer Arme. Dieses durchdringende Licht ist ein Gleichnis für das Licht des Heiligen Geistes. Wenn der Heilige Geist uns anstrahlt, gibt es kein Versteckspiel mehr. Dann ist alles offenbar. Seinem Licht sind wir unentrinnbar.

David hat uns das im Palm 139 in großer Meisterschaft gezeigt:

Wo soll ich hingehen vor deinem Geist,
wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht?
führe ich gen Himmel, so bist du da,
bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde mich doch deine Hand daselbst führen
und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken,
so muß die Nacht auch Licht um mich sein.
Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir,
die Nacht leuchtet wie der Tag,
Finsternis ist wie das Licht.

3. Die Aufgabe des Heiligen Geistes ist aber damit noch nicht erfüllt, daß er alles bei uns aufdeckt. Er läßt uns in unserer Verzweiflung nicht liegen. Wenn er uns nur unsere Sünde zeigt ohne den Weg der Vergebung und Errettung, dann sind wir verloren. Aber das gehört zu seinem Dienst, daß er mit seinem Licht uns anleuchtet und uns dann Jesus zeigt, der mit unserer Sünde fertig geworden ist. In der Nacht unserer Schuld leuchtet das Kreuz auf. Das ist das Werk des Heiligen Geistes, daß wir das Sühneopfer Jesu begreifen und im Glauben erfassen können. So wie Jesus der Mittler Gottes ist, so ist der Heilige Geist der Mittler Jesu und des Vaters. Ohne den Heiligen Geist ist uns Jesus nur eine historische Person. Unter seinem Licht aber erkennen wir das Lamm Gottes, das für uns geblutet hat.

* Zufallsbild *Luther hat das in seiner Erklärung zum zweiten Glaubensartikel so meisterhaft gesagt:

 

»Der mich verlorenen und verdammten
Menschen erlöset hat, erworben und ge-
wonnen von allen Sünden, vom Tode und
von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold
oder Silber, sondern mit seinem heiligen und
teuren Blut und seinem unschuldigen Leiden
und Sterben, auf daß ich sein eigen sei.«

 

Es ist mir nicht möglich, in wenigen Minuten dieses Erlösungswerk Jesu, seinen Sieg über Sünde und Hölle gebührend darzustellen. Wir brauchen die Ewigkeit dazu, um zu fassen, was auf Golgatha geschehen ist.

Lassen Sie mich mit einem einzigen historischen Beispiel einen Grundgedanken des Opfertodes Jesu andeuten. Aus der Französischen Revolution wurde uns eine kleine Episode überliefert. Es war die Zeit, da die Köpfe der Adeligen unter der Guillotine rollten. Eine adelige Dame saß mit ihrer Zofe in einem Gefängnis. Es war die Nacht vor ihrer Hinrichtung. In diesen Nachtstunden beteten die beiden Frauen. Da machte die Zofe ihrer Herrin den Vorschlag, die Kleider zu wechseln. Das schlichte Mädchen wollte für ihre Herrin aufs Schafott gehen. Der Tausch wurde vollzogen. Die adelige Dame gelangte in den Kleidern der Zofe ins Freie. Das Mädchen aber nahm stellvertretend den Tod auf sich.

Dieses kleine Ereignis am Rande der blutigen Wirren hat nur den einen Sinn: Stellvertretung. So war Jesus unser Stellvertreter vor Gott. Er ist hineingestiegen in unsere Schuld, in unser Elend, nahm auf sich unsere Sünde, nahm auf sich das Gericht Gottes - er ist unser Stellvertreter, mit dem wir durchkommen. Wir sind frei durch ihn. Wir sind die Losgekauften. Er hat den Preis bezahlt. Uns ist damit alles geschenkt. Ob wir ermessen können, was das bedeutet?

* Zufallsbild *Paulus triumphiert: »Der Stachel des Todes ist die Sünde, Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesus Christus.« Dieser Sieg Jesu über Satan und Sünde hat seine Folgerungen. Wer einen Krieg verliert, muß sich nach dem Kommando des Siegers richten. Jesus hat das letzte Wort über den Fürsten der Finsternis und sein Heer. Jesus will aber auch das Kommando über uns haben.

II. Wir fragen darum, wie sieht ein Leben vom Sieg Jesu her aus?

Auf diese Frage sind schon falsche Antworten gegeben worden. Sie sollen kurz angedeutet werden.

1. Gerade unter sehr eifrigen Gläubigen ist schon der Gedanke entstanden: Wenn Jesus über die Sünde gesiegt hat, dann brauchen wir nicht mehr zu sündigen. Es entstand also eine Lehre der Sündlosigkeit, die in der Kirchengeschichte unter dem Ausdruck Perfektionismus bekannt ist. In der Tat gibt es im Johannesbrief Kapitel 3 einige Bibelstellen, »die in dieser Richtung gedeutet werden können.

So heißt es in Vers 6: »Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht.« Und in Vers 9 steht: »Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht.« Das sind Worte, die schon viele Gotteskinder in Not gebracht haben. Eine ausführliche Auseinandersetzung ist hier nicht möglich. Vielleicht haben wir diese Stellen so zu verstehen, daß Jünger Jesu nicht mutwillig, nicht absichtlich, nicht bewußt sündigen. Auf jeden Fall gibt es im Leben keine Sündlosigkeit. Die Vertreter der Sündlosigkeit endeten gewöhnlich in bösen Entgleisungen.

2. Die zweite Irrlehre auf diesem Gebiet ist der Quietismus. Man versteht darunter eine falsche Sicherheit. Man kann die Hände in den Schoß legen und sich zufriedengeben, daß Jesus am Kreuz die Sünde besiegt hat. Wir haben dann nichts mehr zu tun und finden uns eben mit unserer Natur oder Unnatur ab. So hat man schon oft darauf hingewiesen, daß das Wort Luthers »Justus simul peccator« -gerecht und zugleich Sünder - vielen zum Ruhekissen geworden ist.

* Zufallsbild *Beide Wege, der Perfektionismus und der Quietismus, sind Gewichtsverlagerungen, Akzentverschiebungen und entsprechen nicht dem biblischen Weg. Es ist eine Eigentümlichkeit der Heiligen Schrift, daß die Wahrheit gewöhnlich in der Mitte, in der Spannung zwischen zwei Aussagen zu finden ist. Am besten können wir das aus dem Pauluswort Philipper 2, 12. 13 ersehen. »Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern; denn Gott ist"s, der da wirkt Wollen und das Vollbringen.« Vers 12 redet so, als ob alles vom Menschen abhinge. Vers 13 zeigt, daß Gott alles wirkt. Das sind keine Gegensätze, sondern die echte biblische Antinomie, das Spannungsverhältnis der Wahrheit.

3. Unser Alltagsleben ist aber nicht von theologischen Auseinandersetzungen, sondern von der Praxis bestimmt. Wir fragen daher, wie der Sieg Jesu in unserem täglichen Erleben realisiert wird.

Es gibt Siege auf der inneren Front und auf der äußeren Front unseres Alltages.

Lassen Sie mich die Geschichte eines meiner Schulfreunde erzählen. Er gab mir die Erlaubnis zu der Veröffentlichung. Wir haben beide schon in der Zeit des Gymnasiums den Herrn Jesus gefunden und hatten tägliche Gebetsgemeinschaft. Nach dem Abitur studierten wir beide Theologie und wurden später Pfarrer der Badischen Landeskirche. In seiner Studentenzeit hatte dieser Freund ein notvolles Erlebnis. In seinen Ferien arbeitete er mit einer Studentengruppe zusammen auf einem Hofgut. Unter den Jungen war ein einziges Mädchen, eine Medizinstudentin. Dieses Mädchen war der undefinedDämon der Gruppe. Sie verführte alle 19 Studenten. Nur mein Freund widerstand ihr. Hinter seinem Rücken prahlte sie oft: »Den keuschen Joseph bringe ich auch soweit.« Eines Abends, es war schon gegen elf Uhr, hörte mein Freund Schritte in seinem Zimmer. Er machte Licht. Da saß diese Studentin schon an seinem Bett. Sie war durchs Fenster eingestiegen. Mein Freund war nie zuvor in seinem Leben einer solchen Versuchung ausgeliefert. Er sah in diesem Augenblick aufs Kreuz Jesu und gewann von dort her die Kraft zu einem klaren Nein. Er schob das Mädchen zur Tür hinaus, schloß Tür und Fenster und war durch Gottes Gnade bewahrt geblieben.

* Zufallsbild *Das war ein Sieg, der vom Sieg am Kreuz abgeleitet war. Der große Sieg zieht kleine Siege nach. Das ist die veränderte Situation, in der wir uns seit Golgatha befinden. Satan flieht, wenn er uns beim Kreuze sieht. In einem Lied heißt es:

Triumphierend brach das Lamm
Satans Macht entzwei.
Durch das Blut am Kreuzesstamm
sind wir alle frei.

4. Nicht immer sind Siege so dramatisch und so schnell erkämpft. Ich erhielt einmal in Graz in Ã-sterreich von einer Katholikin eine gute Lektion. Ich hatte eine Evangelisation in der Heilandskirche. Da Graz katholisch ist, saßen auch viele Katholiken in der evangelischen Kirche. Nach einem Vortrag sprach mich eine ältere katholische Frau an und erzählte mir aus ihrem Leben. Sie berichtete, daß sie ein großes Wohnhaus mit vielen Mietsparteien besäße. Unter den Mietern war eine Frau, die allen anderen Hausgenossen auf die Nerven ging. Niemand kam mit ihr aus. Sie fing mit allen Streit an, auch mit der Hausbesitzerin. Die katholische Hausbesitzerin war aber eine wahrhaft christliche Frau. Sie versuchte alles, um mit dem zänkischen Weib fertig zu werden. Es wollte nicht gelingen. Schließlich sagte sie im Gebet: »Herr Jesus, du stehst zwischen dieser Mieterin und mir. Alles, was sie sagt und mir antut, muß erst an dir vorbei.« Damit hatte diese Katholikin das Geheimnis des Überwindens gefunden. Sie schaltete immer Jesus dazwischen. An ihm brachen die zornigen Wellen und Angriffe. Damit kam die gläubige Katholikin innerlich zur Ruhe. Wie war ich dankbar für diesen Bericht! Die katholische Frau hatte mir, dem evangelischen Pfarrer, eine biblische Lektion erteilt.

Unter dem Volk Gottes gibt es mehr verborgene Siege, als wir wissen und ahnen. Das zeigt, daß der Sieg auf Golgatha, der in dem Ruf Jesu gipfelt: »Es ist vollbracht«, seine Auswirkungen hat.

* Zufallsbild *Menschen, die sich selbst überwinden, erringen Siege auf der inneren Front. Wir sahen das bei dem Erlebnis des Freundes und bei dieser katholischen Frau. Wer auf der inneren Front siegen will, muß vom Kreuz her leben. In der eigenen Kraft gelingen solche Siege nicht. Wenn unser Standort unter der Fahne des Siegers ist, dann haben wir Anteil an dessen Sieg. Der siegende Heerführer reißt seine Truppen zum Sieg mit. Die zweitausendjährige Kirchengeschichte ist ein beredtes Zeugnis für diese Tatsache.

Ein französischer Kaufmann sagte einmal: »Wenn es den Theologen und den schlechten Christen in 1900 Jahren nicht gelungen ist, das Christentum auszurotten, dann muß etwas daran sein.« Dieser Mann hat recht. Jesus hat sogar gesagt: »Und die Pforten der Hölle sollen die Gemeinde nicht überwältigen.«

Die Position des Sieges Jesu war in zwei Jahrtausenden nicht umzustoßen. Das ist der große Lichtblick in dem verzweifelt dunklen Chaos unserer Tage.

5. Es gibt auch Siege auf der äußeren Front. Viel gäbe es da zu erzählen von der Bewährung der

Christen in der Fabrik, im Büro, bei der Bundeswehr, in der Schule und in den tausendfältigen Gegebenheiten des Alltags. Ich habe nicht die Zeit, um Beispiele zu bringen.

Siege gibt es aber nicht nur in der Aktivität, sondern auch in der Passivität. Ist das Ertragen von schwierigen Menschen, das Durchleiden schlimmer Verhältnisse nicht ein Sieg? Es gibt Menschen, denen man hier auf der Erde nicht viel anmerkt, aber dort in der Ewigkeit erhalten sie eine Siegeskrone. Wer nicht bitter wird, nicht hadert über einer unheilbaren Krankheit, ist ein Sieger. Wer nicht verzweifelt darüber, daß er im Leben zu kurz gekommen ist, der ist ein Sieger. Ich möchte in diesem Augenblick alle die heimlichen Sieger grüßen und sie bitten: »Verlieren Sie nicht den Mut! Der große Gott schafft einmal einen Ausgleich. Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn liebhaben.«

* Zufallsbild *6. Es gibt viele Formen des Sieges. Die Heilige Schrift predigt nirgends eine müde Resignation. Sie spricht nicht vom lahmen Verzicht. Es liegt eine Botschaft des Sieges in der Bibel. Hören wir solche Worte. In Psalm 84, 8 heißt es: »Sie erhalten einen Sieg nach dem andern.«

In Luthers Lieblingspsalm 118 steht: »Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten. Die Rechte des Herrn ist erhöht. Die Rechte des Herrn behält den Sieg.« Paulus bezeugt in 2. Korinther 2, 14: »Gott sei Dank, der uns allezeit Sieg gibt.« Wodurch gibt es Sieg? Wissen wir es unverlierbar? Nicht in eigener Kraft, sondern durch IHN. In Offenbarung 12, 11 sagt Johannes: »Sie haben Satan überwunden durch des Lammes Blut.«

Überwunden durch das Blut
jauchzt ein siegend Heer,
voll von heilger Dankesglut
am kristallnen Meer.
Triumphierend brach das Lamm
Satans Macht entzwei.
Durch das Blut am Kreuzesstamm
sind wir alle frei.

Krankheit

Es liegt einige Jahre zurück. Ich evangelisierte in einer Industriestadt. Für die gleiche Woche war in der Stadthalle die Vortragsreihe eines anderen Evangelisten angesagt. Im Grunde genommen ist es wenig sinnvoll, daß die christlichen Kreise sich manchmal nicht verständigen und solche Parallelveranstaltungen durchführen. Der Redner in der Festhalle gehörte aber einer Richtung an, die wenig oder gar nicht nach der Evangelischen Allianz fragt. Was mich an der Werbung für diesen anderen Evangelisten störte, war die Ankündigung, daß er der Mann sei, durch den in Europa die größten Wunder geschehen. Wie kann man nur einen Reichgottesarbeiter so ankündigen! Wird dadurch nicht das Bild dessen verdunkelt, der allein echte Wunder schenkt?

* Zufallsbild *Es bot sich mir die Gelegenheit, eine Versammlung des anderen Evangelisten zu besuchen. Die Festhalle war mit etwa 2500 Menschen besetzt. In den vordersten zehn oder fünfzehn Reihen waren die vielen Kranken untergebracht, die aus dem ganzen Land herbeigebracht worden waren. Menschen mit Krücken, auf Tragbahren, im Rollstuhl oder von Begleitpersonen geführt! Ein Bild des Jammers! Ein Heer des Elends! Etwa 600 dieser bedauernswerten Menschen waren zugegen. Wem greift nicht soviel menschliche Not ans Herz!

Nach dem Vortrag ging der Evangelist vom Podium herunter und widmete sich den Kranken. Er ging durch die Reihen der Menschen, die mit ihren Blicken ihm folgten. Er legte manchen die Hände auf und sagte: »Im Namen Jesu bist du gesund.« Sie waren aber hinterher nicht gesund. Wie sie gekommen waren, verließen sie die Halle. Nur die Verzweiflung blieb diesen Unglücklichen, denen man zu allem Unheil noch sagte: »Ja, du glaubst eben nicht, sonst wärest du gesund geworden!«

Das ist ein eigenes Erlebnis, das mir nicht nur den tausendfältigen Jammer der Menschheit zeigt, sondern auch die Vollmachtlosigkeit von uns Reichgottesarbeitern, die wir den Namen Jesu gebrauchen und keine geistliche Autorität dazu haben. Daß ich von uns Reichgottesarbeitern spreche, soll andeuten, daß es hier nicht um Kritik geht, obwohl ich die Art jener Krankenbehandlung niemals gutheißen kann. Dieses bedrückende Erlebnis lehrt uns auch, daß wir uns nicht an Menschen klammern, die uns nur Enttäuschungen bringen. Echte Hilfe finden wir an einer anderen Stelle.

I. Generalmobilmachung der Kranken

Mit dem erzählten Beispiel haben wir eine erste Einfühlung in unseren Text. Jener Heilversammlung in der Stadthalle ging ein »Aufmarsch« der beförderungsfähigen Kranken jenes Gebietes voraus. Einer solchen Generalmobilmachung der Kranken begegnen wir in unserem Text. Die Verse 55 und 56 lauten:

»Die Leute liefen in alle die umliegenden Länder und hoben an, die Kranken herbeizuführen auf Betten, wo sie hörten, daß er war. Und wo Jesus in die Märkte oder Städte oder Dörfer einging, da legten sie die Kranken auf den Markt und baten ihn, daß sie nur den Saum seines Kleides anrühren möchten.«

* Zufallsbild *Welch eine Geschäftigkeit wird hier entfaltet! Die Nachricht, daß Jesus von Nazareth eingetroffen ist, löst einen ungeheuren Rumor aus. Einer erzählt es dem anderen: »Hast du es schon gehört, der große Wundertäter aus Nazareth ist angekommen. In Kapernaum hat er einen Gichtbrüchigen geheilt. Ja, ein totes Mädchen hat er sogar auferweckt. Das ist der Mann, den wir hier brauchen.« So lief es von Mund zu Mund. Wer Kranke in der Verwandtschaft hatte, der eilte hin und überbrachte die Neuigkeit. In die Nachbardörfer hasteten sie mit dem Ruf: » "s ist Hilfe da. Der große Heiler aus Nazareth ist mit dem Boot über den See gekommen.« Und überall machten sie die Bahren zurecht wie dort in Kapernaum. Sie scheuten keine Mühe. Sie schleppten die Schwerkranken meilenweit. Sie ratschlagten, wo sie mit größter Wahrscheinlichkeit den großen Wundertäter treffen könnten. An den bekanntesten Durchgangsstraßen stellten sie die Bahren ab.

Was spielte sich alles in den Herzen der Wartenden ab? Mit welchen Gesprächen füllten sie die Stunden aus, bis Jesus in ihr Dorf kam? Die meisten schwankten zwischen Furcht und Hoffnung. »Soll es wahr sein, daß uns noch Hilfe zuteil werden kann?« dachten die einen. »Ist er kein Scharlatan oder Leutefänger?« fragten die anderen. Wieder andere lästerten: »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu, wenn er ein totes Mädchen auferweckt hat. Schafft dieser Mann nicht mit dem Teufel?« Eines war sicher. Jesus von Nazareth stand im Mittelpunkt des Tagesgespräches. An ihm schieden sich die Meinungen und die Geister. Abschätzige Urteile bei den einen. Zweifel und Hoffnung bei den andern. Fieberhafte Aktivität bei der dritten Gruppe. Und da die aktive Anteilnahme an dem Los der Kranken zum Glück den Unglauben und den Zweifel überrundet, so stand auch in der Ebene Genezareth die dritte Gruppe im Vordergrund. Darüber sind wir froh, denn es kam etwas Gutes dabei heraus.

II. Die Tragik in der Sendung Jesu

Es bestand ein großer Widerstreit der Meinungen um die Person Jesu. Und doch haben alle Gruppen in einem Punkt versagt. Um was ging es eigentlich den Leuten der fruchtbaren Ebene Genezareth? Wollten sie Jesus treffen, um sein Wort zu hören? Suchten sie eine Begegnung mit dem verheißenen Messias? Hatten sie ein Gespür dafür, daß die Zeit erfüllt war und der Sohn Gottes in ihrer Mitte stand? Nichts von alledem. Nein, es lag eine große Tragik in dem Verhalten des Volkes. »Jesus kam in sein Eigentum, und die Seinen haben es nicht begriffen.«

* Zufallsbild *Was ist das Motiv, um dessentwillen alles Volk aus der ganzen Umgebung zusammenlief? Es ging ihnen nur um die Heilung der Kranken und nicht um die Rettung. Wie modern diese Menschen damals waren! Sie betrieben echte Mitmenschlichkeit und - gingen an der Hauptsache vorbei. Soziale Fürsorge, caritative Hilfe ließen sie sich jederzeit gefallen, die Botschaft von der Umkehr brauchten sie nicht. Ein uraltes und stets neues Problem: Leibsorge hochwillkommen - Seelsorge nicht gefragt. Sozialer Materialismus ist die gängige Münze, den persönlichen Retter und Heiland benötigten sie nicht. Der Sohn Gottes wurde damals - wie heute in der modernen Theologie - in seiner Sendung nicht erkannt.

2. Und noch ein anderes Mißverstehen liegt in unserem Text. Das Volk war beherrscht von der teilweise abergläubischen Kraftvorstellung. Ihre Parole hieß: »Wenn wir nur den Saum seines Gewandes anrühren können, so ist uns geholfen.« Wir finden diese Meinung mehrfach im Neuen Testament. In der Apostelgeschichte z. B. wird berichtet, daß man die Kranken so legte, daß der Schatten der Apostel sie traf. Oder man benützte die Taschentücher der Apostel, um damit die Kranken zu heilen. Man hielt einen Gegenstand für kraftgeladen. Es ging hier nicht um die personhafte Beziehung, sondern um ein energiegeladenes Mittlerstück. Ich will an dieser Stelle nicht mißverstanden werden. Ich glaube an die Wahrhaftigkeit dieser Berichte. Ich mache ja keine Abstriche an der Heiligen Schrift und bin kein Bibelkritiker. Ich will nur darauf hinweisen, daß dieses Volk sich durchaus nicht auf der Höhe des neutestamentlichen Glaubens befindet. Das hätte Jesus bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht erwarten können. Er traf nur einzelne an, denen schon sehr früh die Augen des Glaubens geöffnet waren. Zu diesen wenigen gehörte der römische Hauptmann, der zu Jesus sagte: »Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.« Zu diesen einzelnen gehörte auch das blutflüssige Weib, deren kindlicher Glaube Jesus ehrte.

Wenn wir die in unserem Text auftauchende Tragik der Sendung Jesu noch einmal zusammenfassen wollen, so müssen wir zwei Punkte nennen:

a) Das Volk war blind für die eigentliche Sendung Jesu.

b) Das Volk suchte keine personhafte Beziehung oder Begegnung mit ihrem Messias, sondern nur Heilung und die Erfüllung ihrer zeitgebundenen Kraftvorstellungen.

3. Und doch besaßen diese Menschen etwas, was jederzeit nachahmenswert ist. Sie brachten die Kranken zu ihm. Diese Tatsache wiegt alle geistliche Kurzsichtigkeit auf. Obwohl sie nicht wußten und ahnten, was Jesus bedeutet, taten sie unbewußt das Richtige. Sie schleppten die Schwerkranken auf langen Wegen herbei und legten sie Jesus in den Weg. Sie waren dabei die Handlanger des Herrn. Sie opferten Zeit und Kraft. Dazu waren sie von einer Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit beseelt. Ohne es zu wissen, waren sie die heimlichen Boten Jesu. Das gibt es auch heute noch.

* Zufallsbild *III Ruhe in der Unruhe

Bisher haben wir uns mit den Menschen befaßt und kümmerten uns noch nicht um den, der in der Mitte dieser Umtriebe stand.

1. Bei aller Geschäftigkeit und Aktivität des Volkes bleibt er der Stille. An dem Abend zuvor war die Speisung der 5000 Mann gewesen. Über Nacht war Jesus auf einem Berg, um zu beten. Dann begegnete er seinen Jüngern, die im Sturm des Sees Not litten. Am Morgen erlebte er dann den Ansturm des Volkes mit seinen Kranken. Jesus kam aus der Einsamkeit vor Gott. Er trat aus der Gebetsatmosphäre in die Unruhe der Menschen hinein. Wer an die Kraftquellen Gottes angeschlossen ist, wird von der Hetze und dem Lärm der Mitmenschen nicht umgeworfen. Wer in der Dimension Gottes steht, bewältigt auch den stürmischsten Tageslauf. Jesus ist in die Ruhe und in den Frieden seines Vaters eingebettet. Das ist der Hinweis des Textzusammenhangs. Nur aus dieser Ruhe Gottes heraus geschieht Echtes. Viele der vermeintlichen Wundertäter der Gegenwart, um deren Person so viel Reklame gemacht wird, kommen nicht aus dieser Ruhe Gottes, sondern sind lärmerfüllte Menschen. Was soll da Gutes dabei herauskommen?

2. Unser Text schließt uns aber noch andere Seiten Jesu auf. Die Kranken bitten ihn, daß sie nur den Saum seines Gewandes anrühren dürfen. Er erlaubt es ihnen. Was heißt das? Er gibt sich hinein in ihre Vorstellungen. Er enttäuscht ihre Erwartung, die zwischen Aberglaube und Glaube steht, nicht. Jesus beweist damit, daß er einerseits ganz drinsteht in der Atmosphäre des Vaters, andererseits auch ganz drinsteht im Elend des Volkes. Er schwebt nicht unnahbar über der Menge, sondern gibt sich preis, gibt sich in ihre Hände, läßt sich berühren. Im Propheten Nahum 1, 7 steht das Wort: Theos chrestos. Luther übersetzte: Der Herr ist gütig. Worin besteht diese Güte Gottes? Das Wort chrestos kommt von chrao = brauchen, gebrauchen. Nach dieser Grundbedeutung übersetzt, heißt dann dieser Ausdruck: der Herr läßt sich gebrauchen. Die Vorgänge dort in der Genezareth-Ebene sind eine Illustration dazu: er läßt sich gebrauchen, er läßt sich in Anspruch nehmen. Er hat ein Ohr für die Kranken, er hat Zeit, er hat linde, heilende Hände für sie.

3. Wird damit nicht noch eine Seite seines Messiasamtes deutlich? In Matthäus 9, 36 heißt es von ihm: »Da er das Volk sah, jammerte ihn desselben.« Ihr Leid ist sein Leid, ihr Schmerz ist sein Schmerz. Er fühlt sich hinein, er stellt sich hinein in ihre Situation. Weil er ganz auf der Seite des Vaters steht, kann er auch ganz auf der Seite des elenden Menschen stehen. Nur wer das eine ganz ist, ist auch das andere ganz. Man kann dem Nächsten nur insoweit dienen, als wir vor dem Herrn stehen.

* Zufallsbild *Jesus ist nicht nur herabgestiegen von der Herrlichkeit Gottes, er ist auch hinabgestiegen in den äußersten Jammer der Menschen. Darum ist kein Leidtragender unverstanden. In Jesaja 49, 13 b heißt es: Der Herr erbarmt sich seiner Elenden. In Christus hat sich das erfüllt. Seien wir getrost, wenn wir zu den Elenden gehören! Den Elenden Gottes geht es gut. Sie haben besondere Verheißungen in der Bibel.

 

Psalm 10, 17:
Das Verlangen der Elenden hörst du, Herr.

Psalm 147, 6:
Der Herr richtet auf die Elenden.

Psalm 149, 4:
Der Herr hilft den Elenden herrlich.

Jesaja 66, 2:
Ich sehe an den Elenden.

Auch im Neuen Testament haben wir die besonderen Zusagen für die Heimgesuchten, für die Gestrandeten, für die Zerschlagenen. In Matthäus 11, 28 ruft der Herr den Elenden zu: »Her zu mir, die ihr euch dauernd abquält und die ihr Lastenträger seid!«

Der Herr ist zu den Elenden gesandt, und er ruft die Elenden zu sich. In meiner englischen Bibel las ich einmal an einem Tag, da ich schwer angegriffen und verleumdet wurde: Jesaja 61, 1: (Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen.) »He sent me to set free the downtrodden« - Er hat mich gesandt, die Niedergetretenen frei zu machen. Die englische Übersetzung ist noch stärker als der lutherische Text. Wer also zu den Elenden gehört, zu den Niedergetretenen, der freue sich. Jesus ist für ihn gesandt, für ihn da. In dem Lied »In dir ist Freude« heißt es:

Du hast"s in Händen,
kannst alles wenden,
wie auch heißen mag die Not.

* Zufallsbild *IV. Anbruch des Reiches Gottes

Wundert es uns, daß bei diesem Hineinsteigen des Sohnes Gottes in den Jammer des Volkes echte Heilungen sich ereignen? Das sind keine Suggestionen und psychische Aufpeitschungen, das ist echtes Geschehen! Wenn Jesus da ist, ist die Messiaszeit angebrochen. Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes hat begonnen, auch wenn es den Augen des Volkes noch verborgen ist. Alle, die Jesus anrührten, wurden gesund. Hier braucht man keine seelischen Druckmittel, keine Drängerei und Treiberei, kein Aufpeitschen der Stimmung, keine sentimentale Musik, kein Händeklatschen, keine seligen Zwischenrufe, keinen verzückten Augenaufschlag. Echtes Wunder braucht keinen Lärm. Wenn Jesus, der Sohn Gottes, wirklich herabgekommen ist vom Himmel - und es ist geschehen -, dann sind echte biblische Heilungen nur ein natürlicher Ausdruck seiner Gegenwart und Hilfe.

Und wer keine Heilung erleben darf, der kann trotzdem die Herrlichkeit Gottes erfahren. Wir können mit oder ohne Glaubensheilung in die Ewigkeit gehen. Wir kommen aber nicht ohne Wiedergeburt in sein Reich. Über die Heilung geht die Errettung. Es geht letzten Endes nicht um seine Kraftwirkungen, sondern um die Lebensgemeinschaft mit ihm.

V. Die Aktualität des Textes für die Gegenwart

Wir fragen nunmehr, ob unser Text den Menschen im 20. Jahrhundert zu erreichen und zu treffen vermag. Trotz der Änderung unseres Weltbildes in den letzten zweitausend Jahren ist das menschliche Herz mit seinen Nöten gleich geblieben. Unser Text weist daher eine Fülle von Berührungspunkten zwischen der Zeit Jesu und unserer Gegenwart auf. Wie vor zweitausend Jahren steht Jesus von Nazareth auch heute im Mittelpunkt der Meinungen. An ihm scheiden sich heute noch die Geister.

* Zufallsbild *1. Es gibt Lästerer wie damals. Eine kleine Episode dazu. Als ich auf den Philippinen evangelisierte, hatte ich einen seelsorgerlichen Kampf mit einem besessenen Theologiestudenten. Wenn ich den Namen Jesu im Gebet erwähnte, brüllten Stimmen aus ihm: »Don"t mention this name, we cannot stand it« - Erwähne nicht diesen Namen, wir können ihn nicht ertragen.

Bei einer Evangelisation in einer westdeutschen Stadt wurde ich nach dem Gottesdienst von einer Frau aufgesucht. Sie bat mich in der Sakristei, ich möchte nach Jakobus 5, 14 unter Handauflegung mit ihr beten. Ich fragte sie zuerst: »Wie stehen Sie zu Christus?« Da wurde sie wütend und schrie: »Lassen Sie mich mit Ihrem Jesus in Ruhe. Ich will nur gesund werden.« Ich antwortete: »Wenn Sie Jesus ablehnen, dann habe ich nicht die Freiheit, nach Jakobus 5, 14 mit Ihnen unter Handauflegung zu beten.« Bei dieser Antwort sprang sie auf und verließ zornig den Raum.

2. Es gibt auch Zweifler und Kritiker wie ehedem. »Was soll aus Nazareth Gutes kommen?« hieß es damals. »Alles Volk läuft ihm nach«, knurrten die Pharisäer, die Vertreter einer strengen Tempelreligion. Wir können heute tausend ähnliche Stimmen hören. In Marburg sagte ein Vertreter der modernen Theologie: »Jesus von Nazareth war nicht Gottes Sohn, er hatte nur das Bewußtsein der Gottessohnschaft.« In Frankfurt erklärte ein Theologe der gleichen Richtung: »Die Weihnachtsgeschichte ist eine Legende, wir sollten das Weihnachtsfest abschaffen.« In Mainz meinte ein Dozent derselben Linie: »Vergebung heißt, daß wir zu uns selbst ja sagen.« In Tübingen sagte man: »Die Vorstellung der Präexistenz Jesu, Jungfrauengeburt, Auferstehung, Himmelfahrt, Wiederkunft sind dem modernen Menschen nicht zumutbar.« In einer lutherischen Zeitschrift aus Witten/Ruhr wurde ich selbst auch persönlich angegriffen, weil ich mit der Existenz Satans und der Dämonen rechne. Der Artikelschreiber meinte: ich wollte ja nur nicht ein überkommenes Denkschema aufgeben. Hat also Luther nur einem überkommenen Denkschema wieder zum Sieg verholfen? Daß eine solche Zeitschrift sich lutherisch nennt! Es ist ja mit Händen zu greifen, was diese auf der ganzen Welt um sich fressende Irrlehre zu bedeuten hat. Der falsche Prophet der Endzeit ist am Werk. Nur merken es seine Jünger nicht.

* Zufallsbild *3. Falsches Prophetentum gibt es auch im anderen Extrem. Unser Text zeigt die seltsamen Kraftvorstellungen der Zeit Jesu. Jesus hat darüber hinweggesehen, oder er erkannte darin den keimhaft aufbrechenden Glauben. Heute, nachdem das ganze Neue Testament vorliegt, haben wir aber nicht mehr das Recht, solchen Kraftvorstellungen zu huldigen. Und doch gibt es auf der ganzen Welt solche Dinge. So stieß ich in Afrika auf die Sitte, daß an die Kranken schwarze Taschentücher verteilt wurden. Die Kranken sollten durch diese gesegneten Taschentücher gesund werden. In Brasilien traf ich den gleichen Vorgang. Man händigte mir ein solches Taschentuch aus. Darauf stand die bekannte Bibelstelle Apostelgeschichte 19, 12. Den Vogel schoß aber ein deutscher Pfarrer ab. Bei einer großen Massenversammlung rechtfertigte dieser Theologe die Verteilung von gesegneten Taschentüchern an die Kranken. Er berief sich dabei auf die schon erwähnte Bibelstelle Apostelgeschichte 19, 12. Nach dieser seltsamen Rechtfertigung wurden dann Kisten mit Taschentüchern hereingebracht, die von einem amerikanischen Heiler gesegnet wurden. Es ist erstaunlich, daß ein deutscher Theologe sich dazu hergibt. Das sind keine biblischen Vorgänge mehr, auch wenn die Ansätze dazu im Neuen Testament stehen. Das ist frommer Aberglaube. Wir haben das Wort Gottes, wir haben Jesus selbst, darum brauchen wir keine kraftgeladenen Mittlerstücke, keine geistlichen Kraftträger. Jesus selbst -das ist die Tendenz, der Skopus, die Zielrichtung, auf die unser Text hinausläuft.

Damit sind wir beim Höhepunkt unseres Abschnittes. Es liegt in unserem Text in Vers 56 ein eindeutiger Bruch. Das Volk, die Kranken wollten nur den Saum seines Gewandes berühren. Als sie das taten, erlebten sie eine Wandlung. Sie erlebten ihn; es ging nicht mehr um den Saum seines Gewandes, sondern um ihn selbst. Der Glaube wandelte sich vom Dinghaften zum Personalen.

Ihn selber -nicht einen frommen Ersatz!

Ihn brauchen wir,
keine fromme Reliquie.

Ihn brauchen wir,
keine große Idee.

Ihn brauchen wir,
nicht nur die mitmenschliche Hilfe.

Ihn brauchen wir,
keine bestechende Philosophie.

Ihn brauchen wir,
keine neue auf den Menschen zugeschnittene Theologie.

Ihn brauchen wir,
nicht nur eine christliche Tradition.

 

* Zufallsbild *Man kann sich mit der Bibel beschäftigen, man kann am gottesdienstlichen Leben teilnehmen und lebt doch an Jesus vorbei. Man kann Jesus von Nazareth als historische Persönlichkeit anerkennen, man kann ihn als den wunderbarsten Vertreter der Mitmenschlichkeit ehren und geht doch an ihm vorbei. Ein Kernphysiker machte mich auf ein wunderbares Gleichnis aufmerksam. Wir können manchmal beobachten, daß Raben auf einer Starkstromleitung sitzen. Sie umklammern mit ihren Füßen einen Draht, durch den ein Strom mit 100 000 Volt Spannung fließt, aber die Vögel merken nichts davon, obwohl sie darauf sitzen. So gibt es Menschen und Theologen, die sitzen in der Gemeinde und spüren nichts von dem Geist, der durch die Bibel und die Gemeinde fließt. Wer Jesus nur mit seinem Verstand anrührt, wie es die moderneu Rationalisten tun, der sitzt wie ein Rabe auf der Leitung. Nur wer Jesus im Glauben anrührt, der erlebt sein Heil. Ihn brauchen wir, den Herrn Jesus selber, nicht die schwarzen Raben auf der Leitung.

 

* Zufallsbild *Ich brauch dich allezeit,
du gnadenreicher Herr.
Dein Name ist mein Hort,
dein Blut mein Freudenmeer.


Ich brauch dich allezeit,
o Jesu, steh mir bei,
daß ich bis in den Tod
dir bleibe stets getreu.


Ich brauch dich allezeit,
führ mich nur, wie du willst.
Ich harre auf dein Wort,
bis du es ganz erfüllst.


Ich brauch dich allezeit,
Herr Jesu, Gottes Sohn,
mit dir ererb ich einst
des ewgen Lebens Kron.

Tod

Es war am 12. Oktober 1964 in der lutherischen Kirche in Sittensen. Ein Religionsgespräch unter der Leitung von Herrn Landesbischof Dr. Lilje war angesetzt. Die Referenten waren Herr Prof. Dr. Künneth, Vertreter der biblischen Theologie, und Herr Prof. Dr. Fuchs, Vertreter der sogenannten modernen Theologie. Dieses Religionsgespräch in Sittensen hat in der Kirchengeschichte eine größere Bedeutung als etwa das Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli. * Zufallsbild *Dort ging es im wesentlichen um ein Abendmahlsgespräch. Sind Brot und Wein real Leib und Blut Jesu oder nur Symbole. Luther hatte sich damals hoc est - das ist -vor sich auf den Tisch geschrieben. In Sittensen ging es um mehr. Entsprechen die Aussagen unseres Glaubensbekenntnisses historischen Ereignissen, oder sind es nur die zeitgebundenen Vorstellungen der Urgemeinde? Handelt es sich nur um nachträgliche Deutungen der ersten Christen? Als Professor Fuchs dieser letztgenannten Überzeugung Ausdruck verlieh, entstand eine »unprogrammäßige Störung«. Die 1200 Teilnehmer des Religionsgespräches in der Kirche nahmen die »moderne« Deutung nicht hin, sondern stimmten spontan das alte Osterlied an:

Christ ist erstanden von der Marter alle,
des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein, Kyrieleis.

Dieses Lied war nicht nur ein Protest gegen die moderne Irrlehre, sondern ein Bekenntnis zu Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes.

I. Vom Grauen des Todes

Wir haben diese Siegesstimmung über den Tod zu untersuchen.

1. Die erste Frage, auf die wir stoßen, ist die zweiflerische Vorstellung: ist dieser Jubel nicht der rührselige Erguß eines poetisch veranlagten Menschen? Hat sich hier ein wirklichkeitsfremder Mensch in etwas hineingesteigert, um über den toten Punkt des Lebens hinwegzukommen? Fragen wir ruhig ohne Angst. Wir Menschen des 20. Jahrhunderts sind ja so abgebrüht und haben durch die beiden Weltkriege so fürchterliche Dinge miterlebt, daß für Phantastereien kein Platz mehr da ist. Machen wir ruhig die Augen auf und vergleichen die Wirklichkeit um uns her mit diesem Siegesjubel über den Tod.

* Zufallsbild *2. Spricht nicht das Leben eine andere Sprache? Es war in meiner Schulzeit. Der Zeichenlehrer brachte einen Stoß Zeichnungen in den Unterricht. Nach freier Wahl durften wir uns Zeichnungen heraussuchen und kopieren. Ich wählte eine Federzeichnung von Alfred Rethel. Das Bild, das ich in Angriff nahm, zeigte eine Tanzdiele. Maskierte Menschen lagen auf dem Boden. Die Musikanten eilten mit entsetzten Augen zur Tür. Auf dem Podium stand der Tod und geigte auf zwei Röhrenknochen. Im Hintergrund saß eine vermummte Gestalt mit einer Geißel in der Hand. Es war die Pestgeißel. Unter dem Bild stand: »Der Tod als Würger.« Der Maler wollte damit sagen: »Der Tod hat doch das letzte Wort über uns Menschen.« Er hat uns alle im Griff. Er ist der grausame Beherrscher aller Lebenden. Das Leben ist also nicht auf den Siegesjubel über den Tod abgestimmt. Das Grauen des Todes ist das vorherrschende Bild.

3. Man mag einwenden: »Dieses Bild hat seine Furchtbarkeit eingebüßt. Die Pestgeißel ist dank der Medizin in der Menschheit zerbrochen.« Meine Gegenfrage: »Sind dafür nicht furchtbarere Situationen in der Neuzeit an ihre Stelle getreten? Wenn im Mittelalter die Pest in einer Stadt wütete und zehntausend Menschen in einem Monat hinwegraffte, hat nicht im 20. Jahrhundert eine einzige Atombombe 200 000 Menschen in einer Minute getötet? Was ist furchtbarer: die Pest oder die Atomwaffen?

Es gibt noch andere Errungenschaften des modernen Menschen. Man spricht ja seit einigen Jahren von den ABC-Waffen: Atomwaffen, Bazillenkrieg, Chemische Kampfstoffe. Wir wissen seit der Forscherarbeit von Louis Pasteur und Robert Koch um die Gefährlichkeit des Bazillus Botulinus. Wenn er in die Blutbahn des Menschen gerät, ist der Mensch in 15 Minuten tot. Es ist einem Biologen der Gegenwart gelungen, diesen Bazillus in großen Kulturen zu züchten. Drei Gramm dieser Lösung genügen, um 600 Millionen Menschen zu vergiften. Es sind noch andere Bazillen und Viren in Massen produziert und teilweise schon versuchsweise eingesetzt worden. So trat plötzlich im Koreakrieg eine geheimnisvolle Seuche unter den Soldaten auf. Ein anderes Beispiel kenne ich aus einem Beichtgespräch mit einem Agenten, dessen Aufgabe es war, Bazillen in Ampullen auf die Arbeiterschaft in großen Fabriken anzusetzen, um sie zu verseuchen. Als er aus diesem satanischen Geschäft aussteigen wollte, hatte er nur die Alternative: weitermachen oder von dem eigenen Auftraggeber liquidiert zu werden. Dieser Agent erklärte mir: »Sechs meiner Kameraden sind liquidiert worden, als sie dieses dreckige, teuflische Geschäft niederlegten. Mir geht es genauso, wenn ich es aufgeben will.« Was ist die Pest gegenüber diesem Giftnetz moderner Kriegführung und Agententätigkeit? Ist die Fratze des Todes, die uns aus solch teuflischen Dingen entgegengrinst, nicht viel scheußlicher und dämonischer denn je?

* Zufallsbild *4. Doch hören wir jeden Einwand. Man mag uns entgegenhalten: »Warum das Sterben des Menschen mit so schweren Bildern belasten? Ist nicht der Tod des Menschen einfach ein biologischer Ablauf, wie ihn alles Leben pflanzlicher oder tierischer Art erlebt? Die Blume blüht und verdorrt. Die Antilope im afrikanischen Grasland wird vom Löwen gejagt und bricht unter dem Prankenhieb keuchend zusammen. Das ist doch alles nur naturgemäßes Werden und Vergehen! An diesem Rhythmus ist nichts zu ändern. Warum diesen Wechsel von Kommen und Vergehen mit so dunklen Gedanken beschweren? Take it easier - nimm es leichter!

5. Wir dürfen diesen Einwand der Biologen nicht überhören. Doch will ich wieder Gegenfragen stellen: »War das nur ein biologischer Ablauf, als Jesus in Gethsemane ausrief: »Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir!?« War es nur ein Rhythmus von Werden und Vergehen, als der Sohn Gottes am Kreuz schrie: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ist es nur ein ewiges Gesetz, ein steter Kreislauf des Lebens, wenn jetzt in diesem Augenblick eine Mutter am Sterbebett ihres einzigen Kindes ringt und betet? Ist es für eine solche Mutter ein Trost zu hören, daß wir alle einmal an die Reihe kommen? Eine sachliche, biologische Betrachtung von Leben und Tod ist keine Hilfe für den, der am Sarg eines geliebten Menschen steht oder sich selbst für diesen letzten Weg zu rüsten hat.

6. Die Natur hat am Kreuzestag Jesu von der Bitterkeit des Todes mehr verstanden als die Beobachter, die unter dem Kreuz standen. Es heißt in Matthäus 27, 45: »Von der sechsten Stunde an war eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.« Finsternis über das ganze Land, Finsternis über die Menschen! Das Sterbenmüssen des Menschen, der Tod ist Finsternis. Der Tod ist der Sünde Sold. Wird diese Finsternis nicht an vielen Sterbebetten offenbar? Als der französische Kardinal Mazarin auf dem Sterbebett lag, rief er kurz vor seinem Ende aus: »Du meine arme Seele, wohin gehst du? Was wird aus dir?« Ist das nicht ein trostloses Ende? Ungewißheit, Dunkelheit über dem letzten Weg!

* Zufallsbild *Von einem noch furchtbareren Sterben hörte ich in der Schweiz. Ein berüchtigter undefinedMagier und undefinedZauberer hatte einen entsetzlichen Todeskampf. Ich habe den Bericht von seinem Schwiegersohn. Der Zauberer lag in den letzten Tagen unter dem Bett. Wenn die Angehörigen ihn hervorholen wollten, verkrallte er sich an den Stollen des Bettes. Er schrie oft die Nacht hindurch: »So helft mir doch, die schwarzen Kerle binden mich mit Ketten. Sie reißen mich in den Abgrund. So helft mir doch!« In dieser Verzweiflung beendete er sein trauriges Leben. Man ahnt hier schon etwas von der Furchtbarkeit der Hölle, die manchmal ihren Schatten vorauswirft.

Jesaja prophezeite: »Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich.« Davon hörten wir jetzt. Wir können das Grauen des Todes nicht abschwächen, nicht wegdeuten, nicht bagatellisieren. Der Tod läßt sich nicht totschweigen. Wir können uns auch nicht über das finstere Los eines Gottesleugners damit hinwegtäuschen, daß wir ihm einen christlichen Nachruf geben und Kränze niederlegen mit der schmalzigen Widmung: Ruhe sanft! Mit frommen Pflästerchen helfen wir niemand am Rand der Ewigkeit. »Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen«, sagt die Heilige Schrift (Hebr. 10, 31).

Ist das aber die ganze biblische Botschaft, die wir auszurichten haben? Nein, dann würde ich lieber schweigen.

II. Vom Sieg über den Tod

Jesaja wußte nicht nur etwas von der Finsternis, die das ganze Land bedeckt. Sonst wäre ihm auch sein Dienst zu schwer gewesen. Wenn wir das 60. Kapitel aufschlagen, dann lesen wir im zweiten Vers: »Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker - aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.«

* Zufallsbild *Ich bin kein »Buchstabenglauber«, kein Freund davon, Bibelverse in der Art der Paraphrase zu pressen, bis man etwas gefunden hat. In diesem »Aber« des Jesajawortes liegt tatsächlich eine Wende der Zeiten. Der Prophet ist schier erdrückt von der Macht des Todes, aber er weiß, der Tod hat nicht das letzte Wort. Der Tod ist nicht der Endzustand. Es kommt einer, dessen Macht noch gewaltiger ist. So weissagt der Prophet in Kapitel 25, 8: »Er wird den Tod verschlingen ewiglich.« Dieser »Er«, von dem Jesaja prophezeit, ist gekommen. Paulus triumphiert: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« Ist es nicht seltsam, daß Jesaja und Paulus den gleichen Ausdruck gebrauchen. Nur spricht der Prophet in der Zukunftsform: »Er wird den Tod verschlingen«, und der Apostel spricht in der Vergangenheitsform: »Der Tod ist verschlungen.« So sind das Alte und Neue Testament aufeinander abgestimmt: Weissagung und Erfüllung!

2. Die Erlösungswelt, die neue Schöpfung, die mit Christus begonnen hat, startete unter den gleichen Voraussetzungen wie die erste Schöpfung Gottes. In 1. Mose 1 heißt es: »Es war finster auf der Tiefe. Und Gott sprach: es werde Licht! Und es ward Licht.« Bei der zweiten Schöpfung bedeckte wiederum Finsternis das ganze Land. Als aber die ersten Jüngerinnen am Auferstehungsmorgen zum Grab eilten, da ging die Sonne auf. Johannes sagt dazu: »Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht übermocht.« Über der unumschränkten Herrschaft des Todes ging die Ostersonne auf. Das ist die Botschaft, die die Jünger seither zu vertreten haben. Der Tod konnte Christus nicht festhalten im Grabe. Christus hat dem Tode die Macht genommen. Über den Starken ist ein Stärkerer gekommen. Christus ist des Todes Tod.

* Zufallsbild *3. Luther hat ein köstliches Wort zu diesem Sieg Jesu über den Tod gesagt: »An Christus hat sich der Tod die Zähne ausgebissen. Sie sind ihm stumpf und matt geworden. Er kann die Backen nicht mehr auf tun. Die Gelenke sind ihm lahm geworden. Das Maul steht ihm weit offen. Er will jedermann fres- sen; aber er kann den Rachen nicht mehr zutun und beißen.«

An einer Stelle der Weltgeschichte hat der Tod verspielt. An einer Stelle ist eine Bresche geschlagen. Mag es in der Welt noch so finster aussehen. Wir wissen um die eine Stelle. Das kann der Gemeinde Jesu nicht mehr genommen werden.

4. Die Gewißheit um diesen Sieg hat dem Tod das beherrschende Grauen genommen. Es geht nun nicht mehr ins Dunkel, nicht ins Ungewisse hinein. Der eine generelle Sieg zieht viele Siege nach.

Ein Missionar fand in Afrika auf einem Friedhof ein schlichtes Holzkreuz mit der merkwürdigen Aufschrift: »Der Tod hat keine Hände.« Er forschte nach, wer dieses Kreuz setzte, und erfuhr die Bedeutung. Ein gläubiger Christ hatte hier seine 17 jährige Tochter beerdigt. Das Mädchen war ebenfalls Christin. Der Vater tröstete sich damit, daß er sagen konnte: »Der Tod hat keine Hände. Er kann meine Tochter nicht festhalten. Seine Macht ist für uns am Ende.«

Steht dieser unbekannte afrikanische Christ nicht neben Luther? Luther sagte: der Tod hat sich die Zähne ausgebissen, und der Afrikaner sagte: der Tod hat seine Hände eingebüßt. Das ist die Einheit der Gemeinde Jesu, die weiß: der Tod hat verspielt. Er ist seiner Vormachtstellung beraubt. Er liegt als besiegter Feind zu den Füßen Jesu.

5. Diese Tatsache hat ihre entscheidenden Auswirkungen. Weil Christus der Todesüberwinder ist, steuert die ganze Menschheit nicht dem Chaos und Dunkel zu, sondern der Aufhebung der Todesschranke. Der Sieger von Golgatha und Ostermorgen ist nur der Erstling. Es folgen ihm alle nach, die zu ihm gehören. Damit stehen wir vor einem kritischen Punkt. Wer gehört zu ihm? Wer nimmt teil an diesem Sieg über den Tod? Wir müssen das unbedingt vom Wort Gottes her klären, denn es geht ja um unsere Sache, um unsere Ewigkeit.

* Zufallsbild *Die Bibel spricht von einer Auferstehung zum Gericht und einer Auferstehung zum ewigen Leben. Der Weg und die Auferstehung zum Gericht ist sehr leicht. Von Natur aus bringen wir dafür die beste Eignung mit. Wir dürfen nur bleiben, wie wir sind, dann sind wir die besten Anwärter. Die Auferstehung zum ewigen Leben ist dem Kreis derer vorbehalten, die in den Sieg Jesu über den Tod hinein gezogen worden sind. Wie das aussehen kann, zeigt uns die Geschichte vom verlorenen Sohn. Als der zerlumpte Heimkehrer endlich daheim angekommen war, erklärte der Vater: »Dieser mein Sohn war verloren und ist wieder gefunden, er war tot und ist wieder lebendig geworden.« Tot und wieder lebendig? Was soll das heißen? Ist dieser junge Mann von den Toten auf erweckt worden? Leiblich nein! Er war geistlich tot und hatte seine geistliche Auferstehung erlebt. Um diesen kritischen Punkt geht es auch in unserem Leben. Wenn wir keine geistliche Auferstehung erleben durch die Gnade Gottes, haben wir keinen Anteil am Sieg Jesu über die Todesmacht.

6. Alle Theorie beiseite! Ich will den Sachverhalt an einem Beispiel der Nachkriegszeit klären. Ein junger Mann war in russische Gefangenschaft geraten. Es war ihm gelungen, seine kleine Senfkornbibel mit ins Lager zu schmuggeln. Schon in früher Jugend hatte er in einem gläubigen Elternhaus Kontakt zur Bibel und Kontakt zum Herrn Jesus bekommen. In der Notzeit der Gefangenschaft hatte sich das zu bewähren. Seine Kameraden scharten sich um ihn. Sie waren im Norden an der Eismeerküste eingesetzt und sollten dort einen Kanal bauen. Täglich standen sie im eisigen Wasser. Bei der schlechten Verpflegung starben viele Gefangene weg. Der Mann mit der Bibel war der begehrteste Kamerad im ganzen Lager. Er richtete die sterbenden Männer auf mit Gottes Wort. Er betete mit ihnen und zeigte ihnen den Weg zu Jesus. Von Beruf war er nicht Theologe, aber er war ein Seelsorger und Seelengewinner. Und das lernt man nicht auf der Universität, sondern in der Nachfolge Jesu. Zuletzt erkrankte auch dieser tapfere Christ. * Zufallsbild *Er fühlte sein Ende nahen; denn er hatte genauso unter dem Hunger zu leiden wie die anderen. Eines Morgens erklärte er seinen Kameraden: »Heute mittag um drei Uhr darf ich heimgehen zu meinem Herrn.« Zwei Kameraden blieben bei ihm und hielten Wache. Mittags um drei Uhr richtete sich der Sterbende auf. Er blickte mit leuchtendem Blick nach oben und sagte: »Herr Jesus, ich komme.« Dann verschied er. Sein Heimgang war ein Einzug in die Lichtwelt Gottes. Es ist ein Unterschied, ob es heißt: Sterben - ein Erben, oder Sterben - ins Verderben.

Das sind die Fronten, die entstanden sind durch die offizielle Machtübernahme des Gottessohnes über den Tod.

Es geht um die beiden Welten: ohne Christus Tod und Verderben, mit Christus Leben und Errettung. Eine Zwischenlösung, einen Kompromiß gibt es nicht.

Wo gehören wir hin? - Kann man das wissen? Meinen Sie, der Apostel Johannes sei ein Phantast gewesen, als er (1. Joh. 3, 14) schrieb: »Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind«? Eine ungeheure Aussage, an der wir nichts abbrechen können, auch wenn sich alles in uns aufbäumen mag! Im Reiche Gottes gibt es Klarheit und scharfe Konturen. Es ist ein Fluch über der sogenannten Christenheit, daß eindeutige biblische Situationen so gern von denen vernebelt werden, die davon zu gewinnen glauben. Ich hörte einmal von einem Frankfurter Pfarrer ein gutes Wort: »Was nicht grau ist, ist gräulich, was nicht blau ist, bläulich; wer nicht Christ ist, ist christlich,«

* Zufallsbild *Es ist oft herzerfrischend, daß manchmal auf den Missionsfeldern ursprüngliche biblische Verhältnisse zutage treten, die in der Heimat kaum noch zu finden sind. Ich will mit einem solchen Missionsbeispiel schließen. Missionsinspektor Brech war Chinamissionar. Als junger Mann war er dabei, die schwere chinesische Sprache zu erlernen. Bevor er sie beherrschte, wurde der ältere Missionar eines Tages krank. Der alte Bruder erklärte dem Jungen: »Du mußt heute morgen predigen. Ich habe hohes Fieber.« Der junge Missionar erschrak und wehrte sich: »Ich kann noch nicht so viel chinesisch, dazu habe ich keine Zeit zur Vorbereitung.« Der alte Bruder erwiderte: »Manchmal ist es gut, wenn man ins Wasser geworfen wird und einfach schwimmen muß.« Mit schwerem Herzen übernahm der junge Mann den Sonntagsdienst. Ehe er begann, gab es eine neue Überraschung. Ein Chinese flüsterte ihm zu: »Es ist eine Räuberbande in der Kirche. An der Tür sitzt der Bandenchef. Vermutlich wollen sie plündern, wie es auf anderen Stationen bereits passiert ist.« Der junge Missionar stand damit vor einer Situation, der er nicht gewachsen war. Keine Vorbereitung - mangelhafte chinesische Sprachkenntnisse - und eine Räuberbande im Raum! Das war sein Start in die aktive Tätigkeit als Missionar in China. Er schrie innerlich zum Herrn und flehte um die richtigen Worte. Er begann zu schwitzen, konnte aber den Gottesdienst bis zu Ende führen. Die Kirche leerte sich. Der Bandenchef an der Tür blieb zurück. Missionar Brech näherte sich ihm. * Zufallsbild *Der Räuber redete ihn an: »Wenn du wüßtest, wer ich bin, dann würdest du dich fürchten.« Bruder Brech erwiderte: »Ich weiß es. Du bist der Chef der Bande, die hier war.« Ganz unerwartet fuhr der Räuber fort: »Wenn das wahr ist, was du sagtest, dann fahre ich in die Hölle. Ich habe schon mehr als 70 Menschen umgebracht. Gibt es für mich noch Hilfe?« Bruder Brech war sich sofort im klaren darüber, daß der Heilige Geist an diesem Mann sein Werk begonnen hatte. Der Räuber legte eine schauerliche Beichte ab und konnte im Glauben das Heil erfassen. Aber nun kommt das Eigentliche. Bruder Brech fragte den bekehrten Banditen: »Was willst du jetzt tun?« Ohne Zögern antwortete der Mann: »Ich stelle mich morgen den Behörden.« - »Ja, dann wirst du doch aber hingerichtet!« - »Das weiß ich. Aber dann komme ich ja zu Jesus!« Bruder Brech war maßlos erstaunt über diese schnelle Reife des neubekehrten Christen. Gekommen, um zu plündern! Bekehrung in zwei Stunden. Todesbereitschaft nach einer Beichte! Der Bandit meldete sich tatsächlich am Montagmorgen und wurde im Schnellverfahren noch am gleichen Tag hingerichtet. Ein chinesisches Verfahren geht schneller als die europäischen.

Was steht im Hintergrund dieser Missionsgeschichte? Ein tausendfach verlorener Sohn war tot und ist lebendig geworden. Wie jener Raubmörder am Kreuz ist der Bandit innerhalb eines Tages zum Herrn Jesus ins Paradies eingezogen. »Wer Jesus am Kreuze im Glauben erblickt, wird heil zu derselbigen Stund.« So heißt es in einem Erweckungslied.

Christus hat dem Tode die Macht genommen.

Der unheimliche Bezwinger alles Lebens mußte seine Positionen räumen. Ein anderer beherrscht das Feld.

 

Jesus ist kommen, nun springen die Bande.
Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden.
Er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
bringet zu Ehren aus Sünde und Schande.
Jesus ist kommen, nun springen die Bande.

Welt

In der Volksschule führte einmal der Lehrer mit uns Schülern ein Experiment durch. Er schlug in ein Brett im Abstand von 20 Zentimeter zwei Nägel ein. Dann nahm er eine Schnur von 60 Zentimeter Länge und band die losen Enden an den Nägeln fest. Er spannte dann die lockere Mitte der Schnur mit einer Kreide und fuhr um die beiden Nägel herum. Welche geometrische Figur entstand auf diese Weise? Eine Ellipse!

* Zufallsbild *Wir können die Weltlage heute mit einer Ellipse vergleichen. Die beiden Brennpunkte sind der rote Stern und der weiße Stern. Die gesamte Weltpolitik steht heute noch im Spannungsfeld zwischen Rußland und Amerika. Mit dem Aufkommen von Rotchina kann das aber in einigen Jahren schon anders sein. Bis jetzt aber haben wir diese beiden Machtgruppierungen des kommunistischen Ostens und des demokratischen Westens. Die übrigen Völker werden, ohne es zu wollen, in diesem Spannungsfeld mit ausgerichtet wie die Eisenfeilspäne auf einem Blatt Papier, unter das ein starker Magnet gehalten wird.

Viele nüchtern denkende Menschen haben heute das Gefühl, daß die Weltpolitik in ein Endstadium eingetreten ist. Die beiden Großen liegen Schulter an Schulter im Rennen. Es fragt sich, wer als erster durch die Ziellinie geht.

Während wir in diesen weltpolitischen Aspekten zu denken gewohnt sind, tritt in unserem Textwort jemand auf mit dem Anspruch: »Alles ist mir übergeben von meinem Vater.« Der natürliche Mensch, der seine Maßstäbe der vor ihm liegenden Wirklichkeit entnimmt, fragt bei diesem Anspruch unwillkürlich: »Ja, stimmt denn das überhaupt? Sieht nicht die Geschichte und das Leben ganz anders aus?« Nehmen wir ruhig diesen Einwand an und gehen ihm nach.

I. Verfolgung

Wer die Geschichte des Christentums vor allem von seinem Anfang an erforscht, der stellt fest, daß sie eine Geschichte der Verfolgungen ist.

1. Die frühchristliche Zeit ist erfüllt von der Auseinandersetzung mit den römischen Imperatoren. Welche schauerlichen Dinge sind uns darüber berichtet! Nero ließ Christen mit Ã-l oder Pech übergießen und bei kaiserlichen Hoffesten als Fackeln anzünden. Diokletian machte sich ein Vergnügen daraus, Christen in Felle einnähen zu lassen, um dann wilde Tiere auf sie zu hetzen. Und dieser Eine, der die Macht haben will, hat es nicht verhindert.

* Zufallsbild *Oder denken wir an die Boten, die unserem Erdteil das Evangelium brachten. Paulus wurde in Lystra gesteinigt, in Philippi in den Stock gepreßt, schließlich in Rom hingerichtet. Auch Petrus bezahlte seinen Glauben mit dem Leben.

Polycarp

Vergessen wir auch nicht die Blutopfer der Missionsboten in unserem eigenen Land. Kilian wurde 689 von den Thüringern ermordet. Bonifatius ließ 754 unter den Friesen sein Leben. Ansverus beendete 1066 seine Missionsarbeit unter den Abotriten mit einem Märtyrertod. Hus fiel einem blinden Fanatismus zum Opfer und endete 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen.

Es führt zu weit, wollten wir die ganze Märtyrerchronik wiederholen. Nennen wir nur die Märtyrer der letzten zehn Jahre. 1956 wurden fünf evangelische amerikanische Missionare von den wilden Aukas in Ekuador ermordet. Im September 1959 starben zwei evangelische Missionare unter den Speeren der Moro-Indianer in Paraguay. In Südafrika wurde eine katholische Missionsärztin von den Schwarzen mit ihren Messern zerstückelt. Und im März 1964 wurde ein katholischer Missionar abermals von den Aukas ermordet. Man fand ihn mit einem Speer an den Boden geheftet.

Es ist eine gräßliche Geschichte des Blutes wertvollster Menschen. Warum hüllt dieser Eine sich in Schweigen, der den Anspruch zur Weltherrschaft erhebt? War dieser Eine ein kranker Phantast, der die Maßstäbe des Lebens verloren hat? War er gar ein religiöser Hochstapler, der der Welt fromme Märchen - man sagt heute fromme Mythen - vorgesetzt hat? Wir lassen diese Frage offen. Auf jeden Fall steht für den nüchternen Realpolitiker fest:

 

Die erste Bilanz lautet: Jesus von Nazareth hat versagt. Er war ein armer Bankrotteur. Er ist im Dunkel geendet. Er ist für eine verrückte Idee umgekommen.

* Zufallsbild *II. Krisis

Sind damit die Akten dieses Falles endgültig geschlossen, oder sind Gründe zu einem Wiederaufnahmeverfahren da? Zunächst tun wir gut daran, mit unserem Urteil vorsichtig zu sein. Es sind schon viele gegen den verachteten Nazarener ausgezogen und sind auf der Strecke geblieben.

1. Die Geschichte des Christentums muß unter neuen Gesichtspunkten noch einmal geschrieben werden. Die Geschichte ist nicht so vordergründig, wie es nach der ersten Bilanz auszusehen scheint. Die Weltgeschichte und noch weniger die Geschichte des Christentums läßt sich nicht mit plumpen Faustregeln begreifen. In der Geschichte leuchten manchmal nur Brennpunkte auf, die sogar übersehen werden können. Wer diese aufleuchtenden kleinen Punkte mit einer Linie verbindet, der entdeckt plötzlich neue Zusammenhänge und Tatsachen. Versuchen wir, solche Orientierungspunkte transparent werden zu lassen.

2. In der Entstehungszeit der Gemeinde Jesu gab es hartnäckige Hasser und Verfolger. Unter ihnen war einer der schlimmsten der Pharisäer und Mitglied des Hohen Rates Saulus von Tarsus. Er hat manche Christen zur Lästerung gezwungen. Dieser Mann verstörte die Gemeinde in Jerusalem. Die gleichen Absichten hatte er im Blick auf Damaskus. Er zog aus, die Heiligen zu bekriegen, und traf den Nazarener. Er hatte vor ihm zu kapitulieren. Solche Ereignisse wiederholten sich manchmal in der Geschichte der Gemeinde Jesu.

* Zufallsbild *Lewis Wallace

Der Jesuitenpater Padrosa, hochintelligenter Wissenschafter und Theologe, nahm sich vor, gegen Luther zu schreiben. Er las zu diesem Zweck die Lutherschriften und wurde davon überzeugt. Er verließ unter Verfolgung die katholische Kirche und schrieb das Buch »Warum ich den Katholizismus verließ«.

Der katholische Priester Francisko Lacueva, Kanon der Kathedrale in Tarazona und Professor für katholische Dogmatik, studierte die protestantischen Quellen. Seine Absicht war die gleiche wie die Padrosas.

Er wollte den Protestantismus bekämpfen. Auch er begegnete bei diesem Studium dem Nazarener. Er trat unter schweren Erschütterungen aus der katholischen Kirche aus. Ich habe seine Geschichte in meinem Buch »Name über alle Namen Jesus« dargestellt.

Das ist die Linie der Kapitulierenden. Sie waren gegen den Nazarener ausgezogen und hatten sich vor ihm zu beugen.

3. Der Linie der Kapitulierenden steht die Gruppe der Zerbrechenden gegenüber.

Julian, Apostata, der abtrünnige Christ, bekämpfte die Gemeinde des Herrn. Er endete in völliger seelischer Auflösung und rief im Todeskampf aus: »Tandem vicisti!« - Du hast doch gesiegt, Nazarener!

Voltaire, dieser geistreiche Spötter der Aufklärung, hat den gleichen Bankrott erlebt wie Julian. In seinem Todeskampf bot er seinem Leibarzt sein halbes Vermögen, wenn er seinem Leben sechs Monate zusetzen könne. Der Arzt verneinte eine solche Chance. Dann schrie der Verzweifelte: »Dann fahre mit mir in die Hölle!« Sein Arzt schrieb in sein Tagebuch: »Wie von Furien gehetzt, fuhr er in den Abgrund.«

Lenin, das Idol der russischen Welt, endete im Wahnsinn. Er kroch zuletzt in seinem Zimmer umher und bat die Tische, die Stühle um Verzeihung für seine Untaten.

* Zufallsbild *Nkrumah, der frühere Diktator Ghanas, der sich auf dem Denkmal vor dem Regierungsgebäude in Accra als Erlöser seines Volkes bezeichnen ließ, hat seine Erlöserrolle ausgespielt. Als er in China weilte, bereitete das Militär dem Nkrumah-Mythos ein jähes Ende.,

Fassen wir das Ergebnis der zweiten Linienführung zusammen. Das vorliegende Material läßt diese Frage zu: »Sollte der Nazarener am Ende doch recht haben mit seinem Anspruch der Machtübertragung? Die Geschichte zeigt auf jeden Fall, daß es ein gefährliches Wagnis ist, gegen ihn zu Felde zu ziehen. Ein solches Unternehmen führt in die Krisis: Entweder man kapituliert vor ihm, oder man zerbricht an ihm.

Die zweite Bilanz lautet daher: Von diesem Nazarener geht eine geheimnisvolle Vollmacht aus. Seine Person führt in die Entscheidung. Menschen strecken vor ihm die Waffen, oder sie werden zu seinen Todfeinden. Dieser Jesus ist eine Scheidung der Geister.

III. Sein ist die Macht

Besteht nun die Möglichkeit, dieses Geheimnis um die Person Jesu zu ergründen? In dieser Frage liegt mehr, als in einigen Minuten bewältigt werden kann. Es gibt kein rationales Erfassen, da unser Verstand keine Kontaktmöglichkeiten zum Gottesverständnis hat. Es kann nur ein einziges Symptom seiner Macht angedeutet werden.

1. Wenn wir die Strukturen aller Kulturen der Menschheitsgeschichte unter die Lupe nehmen, dann entdecken wir ein einheitliches Prinzip: nicht nur die überlegene Intelligenz hielt die Völker zusammen, sondern die Gewalt. Wer über mehr Machtmittel verfügte, machte sich den Schwächeren dienstbar. Die Gewalt regierte, seit Kain seinen Bruder Abel erschlug.

* Zufallsbild *Wer die Struktur der Botschaft Jesu untersucht, der entdeckt ein anderes Prinzip, das Prinzip des Opfers, der Selbsthingabe, das Leitbild der Liebe.

Die großen Heerführer, die großen Herrscher dieser Weit haben die Besiegten geopfert. Christus hat sich selbst geopfert. Kein Geringerer als der Gewaltmensch Napoleon hat das erkannt. Sein geflügeltes Wort ist berühmt geworden: »Alexander, Cäsar und ich haben durch Gewalt große Reiche begründet. Sie hatten aber keinen Bestand. Dieser Christus hat sein Reich auf die Liebe gestellt, und es besteht heute noch.«

2. Die Idee der Selbsthingabe - aber nicht nur die Idee, sondern der Vollzug der Selbstaufopferung -geht dem natürlichen Menschen so schlecht ein. Als Jesus am Kreuz hing, da lästerten die Pharisäer und das Volk: »Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Steig herab vom Kreuz, wenn du Gottes Sohn bist!« Aber gerade diese Stunde der höchsten Ohnmacht vor den Menschen war die Stunde der größten Vollmacht. Hier hat die Weltgeschichte den entscheidenden Stoß erhalten. Da wurde der Machtgier, dem Machthunger durch Selbsthingabe von innen her entgegengetreten. Das Weltgefüge, durch Terror und Gewalt zusammengekittet, erhielt hier eine empfindliche Bresche. Christus hat hier eine neue Weltordnung begründet.

3. Das Kreuz ist also die Stelle, wo seither die Rechnung der Diktatoren nicht aufgeht. Hier hat die Liebe die Macht besiegt. Hier triumphiert die Tat der Selbstaufopferung über die Tat, andere zu opfern. Diese freiwillige Ohnmacht Jesu war sein Durchgang zur Machtfülle. Wie sich das in der Praxis auswirkt, kann in vielen Beispielen gezeigt werden. Nehmen wir absichtlich Erlebnisse aus einem Gewaltsystem, aus Rotchina.

Als Mao Tse-tung an die Regierung kam, wurden die ausländischen Missionare außer Landes verwiesen. Viele Mitläufer der chinesischen christlichen Gemeinden fielen ab. Es wurde zu einer Sichtungszeit, einer Stunde der Bewährung. Trotzdem ging das Werk des Herrn auch unter Verfolgung weiter.

* Zufallsbild *Eines Tages kam ein 20jähriger Kommunist zu einem Katecheten, früher Helfer des Missionars. Der junge Mann bat den Christen: »Gib mir Unterweisung in der Lehre der Ausländer.« Der Alte zögerte, denn der junge Mann war als fanatischer Parteigänger bekannt. Der Kommunist spürte das Mißtrauen und fuhr fort: »Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Ich meine es ehrlich. Ich habe eure Leute sterben sehen. Sie gingen so gefaßt in den Tod, daß ich merkte: die verfügen über ein Geheimnis. Bitte orientiere mich.« Der Katechet fühlte das ehrliche Bemühen und willigte ein. Der Kommunist erhielt nur acht Tage Unterricht aus dem Markusevangelium. Schon nach dieser ersten Woche erklärte der Kommunist: »Ich glaube an diesen Jesus, ich will Christ werden. Bitte taufe mich!« Das war eine schnelle Entscheidung. Natürlich sprach sich die Taufe des Kommunisten herum. Die Folgen blieben nicht aus.

Ein Trupp überzeugter Parteigänger erschien in dem Wohnhaus des jungen Mannes. Nur seine Mutter war anwesend. Die Männer fragten: »Stimmt das, hat dein Sohn die Lehre der Ausländer angenommen?« Die Frau schwieg und fing zu weinen an. Als der junge Mann heimkam, wurde er verhaftet. Auf dem Dorfplatz wurde ein Schnellverfahren eröffnet. Der kommunistische Ortsleiter fragte den jungen Christen: »Hast du die ausländische Lehre angenommen?« - »Ja.« - »Schwörst du ab ?« - »Nein.« Seine Mutter warf sich ihm zu Füßen und bat: »Mein Junge, du bist meine einzige Hilfe für das Alter. Bitte sage ab. Du mußt mir erhalten bleiben.« Der Sohn antwortete: »Mutter, ich kann dir alles zulieb tun. Ich kann aber nicht meinen Herrn Jesus verleugnen.« * Zufallsbild *Der Anführer brüllte: »Er ist des Todes schuldig. Welche Todesart soll er sterben?« Seine ehemaligen Kameraden machten selber Vorschläge. »Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn ins Wasser!« - »Nein, er muß auf einem Holzstoß brennen!« - »Sein Gott ist gekreuzigt worden. Er muß auch ans Kreuz!« So schrien die Stimmen durcheinander. Da meldete sich einer: »Wer unsere Ahnen nicht ehrt, muß geschunden werden.« Er erhielt begeisterte Zustimmung. Schinden heißt dort in jener Provinz, bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Diese furchtbare Prozedur nahmen sie vor, bis der junge Mann bewußtlos zusammenbrach und starb.

4. Was ist hier eigentlich in unserer Fragestellung passiert? Wir haben hier genau die beiden Prinzipien, von denen gesprochen wurde.

a) Mao hat ein ungeheures Terrorsystem ausgebaut. Es übertrifft an Brutalität noch das von Sowjetrußland. Die christlichen Gemeinden sind als Organisationen zerschlagen. Die gläubigen Familien sind auseinandergerissen. Die Jünger Jesu leben alle in der Zerstreuung. Ansammlungen und Gottesdienste der Gemeinde sind schon seit Jahren nicht mehr möglich. Die diktatorische Gewalt befehligt ein Riesenreich, das in seiner Kapazität 1990 wohl größer ist als USA und Rußland zusammengenommen. Wir haben hier das System der äußeren Gewalt, mit Millionen von Opfern aufgerichtet.

b) Aber dieses Gewaltsystem hat ein Loch. Es endet am Gewissen und am Glauben der Jünger Jesu. Christus ist doch der heimliche Herrscher Chinas. Die Gewalt über die Gewissen erweist sich als größere Machtposition als die Gewalt der Bajonette und der politischen Knute. Der als Bankrotteur in Menschenaugen starb, ist der geheimnisvolle Weltherrscher.

5. Die Parole der Welt lautet: Macht, Gewalt, Terror, Diktatur, politische Knebelung, Menschenopfer und Menschenschinderei.

Die Parole des neuen Herrschers heißt: »Was schwach ist vor der Welt, hat Gott erwählt, daß er zuschanden mache, was stark ist.«

Das Relief dieser Welt enthält klingende Namen: Nebukadnezar, Kyrus, Alexander, Cäsar, Augustus, Dschingis Khan, Napoleon.

* Zufallsbild *Das Relief des Reiches Gottes enthält die Blutzeugen aller Zeiten, die Unbekannten, die Sterbenden, die Heimgesuchten, die Elenden, die Unterdrückten um Jesu willen, die Galerie der Glaubenden aus Hebräer 11. Es sind die, von denen es heißt: »Sie haben durch den Glauben Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefängnis. Sie wurden gesteinigt, zerhackt, zerstochen, durchs Schwert getötet. Sie sind umhergegangen in Schafpelzen und Ziegenfellen, mit Mangel, in Trübsal, mit Ungemach. Deren die Welt nicht wert war, sind im Elend umhergeirrt in den Wüsten, auf den Bergen und in den Klüften und Löchern der Erde.« Es sind die, die nichts innehaben und doch alles innehaben, denn sie gehören zu dem Gefolge des Siegers, der die Zügel der Weltregierung nicht aus der Hand gibt.

Wir ziehen damit die dritte Bilanz: Nicht irgendeine Großmacht dieser Erde wird das Rennen gewinnen, sondern der geheimnisvolle Nazarener. Er geht mit mächtigem Schritt durch die Jahrhunderte. Den sichtbaren Augen ist er verborgen, den Glaubenden ist er offenbar. Er bringt mit gewaltiger Hand die Weltgeschichte und Heilsgeschichte zum Abschluß. Alle seine Feinde werden einmal zum Schemel seiner Füße liegen. Ihm gehört das Reich, sein ist die Macht, er bringt die Herrlichkeit in alle Ewigkeit.

Ziehen wir das Fazit! Die Geschichte des Christentums läuft in drei Stockwerken.

In Stockwerk I heißt es: Jesus ist ein Bankrotteur, ein gestrandeter Idealist.

In Stockwerk II heißt es: Von diesem Jesus geht eine geheimnisvolle Macht aus.

In Stockwerk III heißt es: Jesus ist der Sieger der Weltgeschichte.

Die Frage ist nun, wo wir zu Hause sind. Im Stockwerk I wohnen die Negativisten aller Schattierungen, die radikalen Atheisten wie die feingeistigen Rationalisten.

* Zufallsbild *Im Stockwerk II herrscht eine kritische Atmosphäre. Hier fallen Entscheidungen, hier reifen die Krisen zur Annahme oder Ablehnung des einen Herrn. Im Stockwerk III wohnt ohne Zweifel die kleinste Gruppe. Aber es ist das Fußvolk Gottes, die stillen Nachfolger Jesu. Sie wissen um den Sieg ihres Herrn und haben im Glauben daran teil. Ihr Bekenntnis ist, was Pfarrer Blumhardt uns vorgebetet und vorgesungen hat:

Jesus ist der Siegesheld,
der all seine Feind besieget.
Jesus ist"s, dem alle Welt
bald zu seinen Füßen lieget.
Jesus ist"s, der kommt mit Macht
und zum Licht führt aus der Nacht.

Wir

1939 machte die damalige englische Königin einen Besuch in Kanada. Sie wurde von ihrem Gatten, König Georg VI., begleitet. Es gab einen großen Empfang. Ein Programmpunkt war eine Liedeinlage. Ein alter Indianer sang mit einer klaren Stimme ein Jesuslied folgenden Inhaltes: »Ich liebe Jesus mehr als Silber und Gold. Ich liebe Jesus mehr als alle Schätze der Welt.« Nach dem Lied fragte der Häuptling in demütiger Haltung: »Majestät, ist mir eine Frage erlaubt?« Sie nickte Zustimmung. * Zufallsbild *Dann fragte der Häuptling: »Majestät, haben Sie Jesus?« Es entstand eine kleine Pause. Auf den Gesichtern mancher Minister stand der Unwille geschrieben. Da antwortete die Königin: »Es glauben viele an Gott. Es glauben manche an Jesus. Ich muß bekennen, daß er mein Herz besitzt.« Das war kein rührseliges, sondern ein tapferes Bekenntnis. Es gehört Mut dazu, bei einer solch großen und erlauchten Zuhörerschaft sich auf die Seite Jesu zu stellen.

Welche Bedeutung hat eine derartige Aussage? Ohne Zweifel war Jesus von Nazareth eine der wunderbarsten Gestalten der menschlichen Geschichte. Gibt es aber nicht noch mehr solcher Persönlichkeiten, die uns Hochachtung abnötigen? Manche berauschen sich an den Taten großer Feldherren, etwa eines Alexander des Großen oder Julius Cäsars. Andere sind erfüllt von der Poesie eines Homer oder eines Dante, Wieder andere sind fasziniert von großen Denkern, etwa von Aristoteles oder Kant. Nicht zuletzt gibt es solche, die den großen Sittenlehrern und ethischen Reformern den Preis zuerkennen. Vielleicht wird dabei der Name Sokrates genannt oder gar der Martin Luthers. Taucht nun in diesem großen Relief menschlicher Heroen auch der Name Jesus auf? In der Tat wird von vielen Jesus unter die größten Namen der Menschheit einrangiert. Dieser Ehrerweisung wird aber im Neuen Testament ein jähes Ende bereitet. Jesus braucht keine menschlichen Lorbeeren. Jesus ist nicht ein großer Name neben anderen großen Namen. Paulus bezeugt: »Gott hat Jesus einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.« Nur wer den Sohn Gottes hat, der hat den Anschluß an das eigentliche Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Diese Aussage ist so aufreizend, daß wir uns mit der Person Jesu auseinandersetzen müssen.

I. Wir fragen, welche Beziehungen gelten für das Verhältnis des Sohnes Gottes zu uns Menschen?

* Zufallsbild *1. Die erste Aussage ist die von Apostelgeschichte 4, 12: »Es ist in keinem andern Heil, es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen errettet werden.« Ich mußte diesen Vers schon einmal in dieser Vortragsreihe unterstreichen. Paulus bezeugt den Athenern in seiner großen Areopagrede: »Gott hat einen Mann gesetzt, durch den er der Menschheit Gericht: oder Heil beschert.« Dieser Eine ist Jesus. Für diesen Jesus gibt es keine Ersatzperson. Jesus von Nazareth ist nicht auswechselbar wie etwa eine Zahl in einer mathematischen Gleichung. Wir müssen als harte, unabänderliche Wirklichkeit

die Ausschließlichkeit des Gottessohnes

hinnehmen. Diese Ausschließlichkeit ist vielen zum Ärgernis geworden. Ein Schweizer sagte mir einmal in Bern, es spiele keine Rolle, ob man Buddha, Mohammed oder Christus verehre. Wichtig sei nur, daß wir das, was wir glauben, ganz sind. Eine solche These zerbricht an der Ausschließlichkeit des Gottessohnes. Andere meinten, wer ein Leben der selbstlosen Liebe geführt habe wie Kagawa in Japan, wie Mathilde Wrede oder Albert Schweitzer in Lambarene, der sei doch auf dem richtigen Weg. Auf die reine Mitmenschlichkeit käme es an, nicht auf die Dogmen. So reden die Idealisten, die ethischen Materialisten, die Philanthropen und die Modernisten. Und doch zerbricht die These von der reinen Mitmenschlichkeit ohne die Person Jesu an der Ausschließlichkeit des Gottessohnes.

Was reine Mitmenschlichkeit ohne Jesus ist, wurde mir bei der zweiten Südamerikatour in Curitiba demonstriert. Ich besuchte die Albergo noturno, ein Obdachlosenasyl. Die Leiterin nahm uns willig auf und berichtete alles, was uns interessierte. Zunächst sah ich die Besucher, die im Korridor auf das Bad, die Desinfizierung und das warme Essen warteten. Jeder wird aufgenommen, der Arbeit sucht oder am nächsten Tag zur kostenlosen Behandlung in das Krankenhaus geht. Ich fragte die freundliche Heimleiterin: »Wer finanziert diese Aktion?« -»Die vermögenden Spiritisten«, war die Antwort. Bei dieser Herberge handelt es sich um eine soziale Einrichtung der Kardecschen Spiritisten. In der ausführlichen Unterhaltung forschte ich auch nach dem Motiv dieser caritativen Arbeit. Man sagte mir, es gehöre zum Evangelium der Spiritisten, daß man in großen Zeiträumen wieder auf die Welt komme, also seine Reinkarnation erlebe. Es ist nun von entscheidender Bedeutung, ob man im weiteren Leben aufsteigt oder absteigt. Ausschlaggebend dafür ist, wie man sich im vorhergehenden Leben bewährt habe. Wichtig war mir auch der Hinweis auf Jesus. * Zufallsbild *Die Heimleiterin erklärte: »Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Dadurch hat er uns ein Vorbild gegeben, dem wir nacheifern.« Damit hatten wir diesen oft gehörten Satz wieder. Jesus ist Vorbild, Jesus ist der wunderbarste Vertreter der Mitmenschlichkeit, aber nicht der Erlöser.

Diese These zerbricht an der Ausschließlichkeit des Gottessohnes. Jesus ist nicht nur eine Idealgestalt, nicht nur das hehre Vorbild, sondern der Sohn des Vaters, von Gott gesetzt als Richter und Retter. Er begnügt sich nicht mit unseren Ehrenprädikaten, sondern will uns selbst. Seine Ausschließlichkeit ist von uns aus nicht zu umgehen. Hier hilft keine orthodoxe, keine dialektische, keine moderne Theologie, hier gilt nur eines, die klare Bekehrung zum Sohn Gottes.

2. Eine zweite stahlharte Aussage im Blick auf unser Verhältnis zu Jesus tritt uns im Neuen Testament entgegen. Man kann über Jesus diskutieren, man kann ihn ablehnen. Man kann ihm zustimmen. Und dennoch bekommen wir ihn nicht in unseren Griff. Er wohnt in einem Bereich, der für uns nicht zugänglich ist. In Johannes 6, 44 sagt der Herr: »Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater.« Diese Aussage bezeugt wieder etwas Ungeheuerliches:

die Unerreichbarkeit des Gottessohnes.

Die unsichtbare Welt ist schlechterdings für die sichtbare Welt verschlossen. Von der menschlichen Dimension gibt es keinen Weg zur Dimension Gottes. Er wohnt in einem Licht, da niemand zukommen kann.

Er ist räumlich oder zustandsmäßig so von uns abgesondert, daß es von uns aus gar keine Kontaktmöglichkeit gibt. Es liegt nur auf der Linie dieser Aussage, daß dann auch niemand seine Gegenwart ertragen kann. Johannes fiel bei seiner Begegnung in Offenbarung 1, 17 wie ein Toter zu seinen Füßen. Wenn der Lebenskreis des Menschen und der Lebenskreis des Gottessohnes sich berühren, dann ist das eine tödliche Bedrohung, eine vernichtende Berührung. Unsere Atmosphäre, unser Lebenshauch ertragen nicht seinen Hauch.

* Zufallsbild *3. Die Bibel läßt uns mit diesen beiden stahlharten Feststellungen noch nicht in Ruhe. Sie macht uns im Blick auf unsere Stellung zu Christus mit einer dritten Front bekannt: es ist

unsere rettungslose Verlorenheit.

Wie oft hören wir diese Grundmelodie in der Bibel: »Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer. Von der Fußsohle bis zum Scheitel ist nichts Gesundes an uns. Vor dir, o Gott, ist kein Lebendiger gerecht. Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten.«

Die Heiligkeit Gottes ist der Tod des Sünders. Dazu ein Beispiel. Im Frühjahr 1945 wurde bei Gdingen in der Nähe von Danzig ein gewaltiger U-Bootbunker gesprengt. In dem Bunker wurden einige Soldaten mit eingeschlossen, die sich aus den riesigen Proviantvorräten einiges holen wollten. Die gewaltigen Betonblöcke versperrten ihnen den Rückweg. Sie blieben in dickster Finsternis eingeschlossen. Sie hatten genug Lebensmittel, weil dort unten die Vorräte für eine halbe Division gelagert waren. Sie hatten auch Luft und Wasser, nur kein Licht. Jahrelang lebten sie in der Dunkelheit. Einige starben. Nach acht Jahren wurden die beiden letzten befreit. Der eine starb sofort, als er ins Licht trat. Der andere erblindete und starb kurz danach. Sie waren jahrelang so durch die Finsternis geprägt, daß sie vom Licht getötet wurden. Vom Licht getötet!

Das ist ein Gleichnis für einen biblischen Sachverhalt. Der sündige Mensch vergeht mit seiner Finsternis an der Reinheit und Heiligkeit Gottes. Das entspricht der rettungslosen Verlorenheit des Menschen.

4. Nun tragen wir die bisherigen Ergebnisse zusammen. Die Bibel richtet drei Barrikaden auf:

 

Die Ausschließlichkeit des Gottessohnes.
Die Unerreichbarkeit des Gottessohnes.
Die rettungslose Verlorenheit des Menschen.

 

* Zufallsbild *Was soll nun werden? Wer in Ruhe über diese drei Positionen nachdenkt, wird zu der Jüngerfrage kommen: »Herr, wer kommt denn da noch durch?« Jesus antwortete ihnen: »Bei den Menschen ist es unmöglich.« Das ist die harte Wirklichkeit, vor der wir stehen. Bilde sich niemand ein, er könne den Himmel stürmen. Denke niemand, er könne durch seine moralischen Anstrengungen die Betonklötze beseitigen, die den Weg versperren.

Von einem Evangelisten, Johannes Hansen, hörte ich in der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe ein anschauliches Beispiel, das hier wiedergegeben wird.

Es gibt in der evangelischen Kirche so viele Christen, die denken, man komme automatisch in den Himmel. Man wird nach der Geburt auf ein Fließband gesetzt. Die Kirche bringt von Zeit zu Zeit durch Amtshandlungen einige Handgriffe an, sei es Taufe, Unterricht, Konfirmation und anderes. Das Fließband trägt einen immer wieder weiter, bis der letzte Handgriff erfolgt, die Bestattung und die salbungsvolle Beerdigungsliturgie. Dann müßte dieser Fließbandfahrer eigentlich im Himmel sein. Ja, wenn es so einfach wäre mit dieser Automatik!

Eines ist sicher: man kann automatisch in die Hölle kommen, aber nicht in den Himmel.

Wir hörten von den drei unübersteigbaren Barrikaden. Heißt dieses dreifache »Unmöglich«, daß wir bei Gott abgeschrieben sind? Nein, was uns unmöglich ist, das tat Gott in der Sendung seines Sohnes.

II. Wir fragen daher, wie Gott die Barrikaden überwunden hat

1. Über uns Menschen steht nicht nur Gericht, Verdammnis und Chaos. Nein, der Ausschließlichkeit des Gottessohnes setzte Gott

die Totalität des Gnadenangebotes entgegen.

Hören wir nur drei Worte aus dem Neuen Testament:

Johannes 3, 16: Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Titus 2, 11: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.

1. Timotheus 2, 4: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde.

* Zufallsbild *Dreimal steht hier alle. Die Erde war und ist der Schauplatz des Heilswerkes Gottes für alle Menschen. Wir stehen alle in Gottes Operationsgebiet. Wir befinden uns alle in seinem Interessenbereich.

Dazu ein Beispiel. Vor einigen Jahren war das Grubenunglück in Lengede. Es traten sofort Rettungsaktionen ein. Die Rettungsmannschaft erhielt die Liste der eingefahrenen Kumpels. Ein Plan der Stollen und Schutzräume lag vor. Es wurde gefragt, in welche Schutzräume die Überlebenden wohl geflüchtet sein konnten. Hochempfindliche Horchgeräte wurden eingesetzt, um etwaige Klopfzeichen zu hören. Dann wurden Spezialgeräte herangeschafft, um Bohrungen zu unternehmen.

Etwa 30 Bergleute waren eingeschlossen. Was mögen die von der Oberwelt abgeriegelten Männer wohl empfunden haben? Wie hörten sie auf alle Geräusche! Wie atmeten sie auf, als sie den Bohrer hörten! Dann wieder griff die Sorge und Angst nach ihnen: »Erreicht der Bohrer unseren Schutzraum? Bricht unser Stollen dann auch nicht ein?« Die tausend Hoffnungen bei den oben und unten Wartenden erfüllten sich. Der Bohrer traf genau den Bergungsort. Die erste herabgelassene Bombe traf mit Verpflegung und mit einem Arzt ein. Einer nach dem anderen wurde hochgehievt.

Wir haben damit ein wunderbares Gleichnis. Wir Menschen sind alle von dem Berg unserer Sünde hoffnungslos eingeschlossen. Wir können uns nicht selber befreien. Wir sind abgeriegelt vom Reich Gottes. Da kam aber einer von oben, stieg herab und brachte Rettung.

Wir müssen es uns sagen lassen: wir stehen auf der Bergungsliste Gottes. Unser Name erscheint auf der Rettungsliste. Wir sind nicht abgeschrieben. Wir sind nicht als unrettbar aufgegeben.

Bei Lengede ist etwas Derartiges passiert. Als später die eingebrochenen Stollen wieder geräumt wurden, fand man in einem anderen Schutzraum drei Männer als Leichen mit langen Bärten. Man rechnete aufgrund des langen Haarwuchses aus, daß sie noch etwa zwei Wochen gelebt haben. Das gab sogar noch ein kleines gerichtliches Nachspiel. Man hatte Menschen aufgegeben, die noch am Leben waren.

* Zufallsbild *Unserem Gott passiert das nicht. Vor seinen Augen ist alles gegenwärtig. Seine Rettungsaktion gilt allen. Wer im Glauben den Sohn Gottes angenommen hat, der ist mit in das Leben eingeschlossen. Die Ausschließlichkeit des Sohnes Gottes ist zugleich ein totales Angebot der Gnade Gottes.

2. Damit ist aber die Weite und Tiefe der Barmherzigkeit Gottes noch nicht ausgeschöpft. Wir hörten, daß die zweite Barrikade die Unerreichbarkeit des Gottessohnes ist. Alle Versuche, von uns aus Jesus zu erreichen, sind zum Scheitern verurteilt. Ein Gott, der in den Griff des Menschen kommen würde, wäre kein Gott, sondern ein Popanz menschlicher Phantasie. Wir erreichen die Region Gottes nicht. Kein Weg von uns zu ihm -aber ein Weg von ihm zu uns! Ein Beispiel soll das zeigen.

Im Zusammenhang mit meinen australischen Evangelisationen hörte ich von folgendem Ereignis. Der Sohn eines Richters war ein Tunichtgut. Wegen einer Betrugsaffäre kam er vor Gericht. Dem Vater war das äußerst peinlich. Doch er lehnte es nicht ab, über seinen eigenen Sohn zu urteilen. Die Ã-ffentlichkeit war gespannt, ob der Vater ein mildes oder ein strenges Urteil fällen würde. Manche meinten, der Vater würde seinen Sohn schonen. Andere tippten auf ein strenges Strafmaß, weil der Richter wohl nicht seine Richterehre aufs Spiel setzen würde. So waren die Ansichten geteilt. Mit gespanntester Erwartung verfolgte man die Verhandlung. Schließlich kam es zum Urteil. Der Richter wählte die im Gesetz zulässige Höchststrafe. Nach Verkündigung des Urteils setzte dann der Richter sein Barett ab, zog seine Robe aus und trat vom Podium herunter. Er begab sich zur Anklagebank, neigte sich zu seinem Sohn und sagte: »Mein Junge, als Richter mußte ich dich verurteilen, als Vater aber biete ich dir an, die Strafe zu bezahlen, zu der ich dich verurteilen mußte.«

* Zufallsbild *Damit haben wir ein neues Bild für das Handeln Gottes. Der Richter trat zum Angeklagten. Gott ging den Weg zum Menschen und nahm dessen Schuld und Strafe auf sich. Wir haben also die Antwort auf die Unerreichbarkeit Gottes.

Der Unerreichbare kam selber zu uns!

Der verschlossene Himmel öffnete sich selbst. Von uns aus kein Zugang - von Gott her aber die offene Tür! »Siehe, ich habe dir gegeben eine offene Tür«, heißt es in Offenbarung 3, 8.

Die Unerreichbarkeit Gottes ist die unüberwindliche Barrikade. Die offene Tür ist aber ihre Überwindung. Dort der unheimliche Gott, hier der gnädige Herr!

3. Wir müssen uns noch mit der dritten Barrikade auseinandersetzen. Wir hörten von der rettungslosen Verlorenheit der Menschen. Luther wußte das und nannte sich selbst einen verlorenen und verdammten Menschen. Der Reformator wußte aber noch mehr. Gott hat nicht nur den Schuldspruch über uns verkündet, sondern auch selbst die Sühnemaßnahme eingeleitet. Ich will das mit einem Erlebnis unseres Reformators darstellen. Luther wurde manchmal von Angstträumen geplagt. Mir sind mehrere von ihnen aus seinen Büchern bekannt geworden. Einmal plagte ihn der Teufel damit, daß er ihm alle seine Sünden vorhielt. Es war eine lange Liste. Als der Teufel zu Ende war, fragte Luther im Traum: »Ist das alles?« Der Teufel triumphierte und entrollte flugs eine zweite Rolle und las wieder ein langes Sündenregister vor. Wieder forschte der geängstete Mann: »Bist du nun fertig mit meinen Sünden?« Mit Hohngelächter brachte der Finstere noch ein drittes Register und las alles vor bis zurück in die ersten Kindheitsjahre. Dann, als der Böse nichts mehr vorzubringen hatte, erwiderte Luther: »Eines hast du vergessen. Schreibe schnell darunter: >Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde.<« Der Teufel stieß einen Fluch aus und verschwand. Ein Bibelwort hatte ihn in die Flucht geschlagen.

* Zufallsbild *Wir haben damit die Antwort auf das dritte Unmöglich. Die rettungslose Verlorenheit hat Gott beantwortet mit

seiner allgenugsamen Sühneleistung.

Damit ist die dritte Barrikade aus dem Weg geräumt.

Petrus bezeugt (1. Petr. 1, 19): »Wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Gold oder Silber erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Jesu, als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.« Und der Hebräerbrief bestätigt es (9, 14): »Wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Fehl durch den ewigen Geist Gott geopfert hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken.« In einem Erweckungslied heißt es: »Rühmt alle Wunder, die er tut, doch über alles rühmt sein Blut!« Auf dem Altar von Grünewald und Schongauer in Isenheim, den ich mir in Colmar schon manches Mal angesehen habe, fangen die Engel unter dem Kreuz die Blutstropfen Jesu auf. Das sind die kostbarsten Juwelen der Erde, die im Argen liegt.

Schreckt des Falles Tiefe dich,
siehst du bebend deine Wunden,
fragst du, werde jemals ich
von dem Schlangenbiß gesunden?
O verliere nicht den Mut!
Allgenugsam ist das Blut.

Gott hat das Äußerste und Höchste, was er zu bieten hatte, in die Waagschale gelegt: das Leben, das Blut seines Sohnes. Das war der Welt Rettung. Ist es auch Ihre?

Wir sind nun zwei Reihen biblischer Grundwahrheiten abgeschritten. Die erste Reihe lautet:

Die Ausschließlichkeit des Gottessohnes.
Die Unerreichbarkeit des Gottessohnes.
Unsere rettungslose Verlorenheit.

Diese ehernen Positionen sind nicht umzustoßen. Und doch hat Gott den Ausweg gefunden und uns angeboten. Die Lösung lautet:

Sein totales Gnadenangebot.
Die offene Tür.
Die Allgenugsamkeit seiner Sühneleistung.

* Zufallsbild *Was hat das nun mit uns zu tun? Wir sind in der Lage des Richtersohnes, der vom eigenen Vater verurteilt wurde. Danach bot ihm der Vater die Sühneleistung an. Wie konnte sich der Sohn verhalten? Er hatte zwei Möglichkeiten: annehmen oder ablehnen. Er war nicht gezwungen. Seine Entscheidung war frei. Das ist unsere eigene Situation. Wir können dankbar annehmen oder stolz ablehnen. Das ist das ganze Geheimnis unserer Errettung.

Gott haßt und richtet die Sünde.
Gott liebt und rettet den Sünder.

Die Person Jesu und sein Werk am Kreuz bedeutet Verurteilung und Sühneleistung zugleich. Darum konnte Johannes sagen: »Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.«

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude,
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide.
Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählet"s den Heiden:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.


Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.
der uns den Ursprung des Segens gegeben;
dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod.
Selig, die ihm sich beständig ergeben!
Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.

Zukunft

Bei meinen Reisen durch das Amazonasgebiet oder durch andere Teile Südamerikas konnte es vorkommen, daß ich Scharen von Geiern beobachtete, die sich auf einem hohen Baum sammelten. Der begleitende Missionar pflegte dann zu sagen: »Da muß ein Tierkadaver liegen, weil sich die Geier sammeln.« Wir kennen ja das geflügelte Wort Jesu in Matthäus 24, 28: »Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier.«

* Zufallsbild *Was steckt nun zunächst in diesem Sprichwort? Viele Ereignisse des täglichen Lebens wickeln sich ab nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung.

Wenn an einer Straße ein großer Menschenauflauf entsteht, sagen wir unwillkürlich: »Da muß sich ein Unfall ereignet haben.«

Wird zu einem kranken Angehörigen ein Arzt gerufen, dann fragt und sucht er zuerst nach den Symptomen der Erkrankung, um von den Symptomen auf die Ursache schließen zu können.

Was im Alltagsleben als Grundregel besteht und auch zum Abc einer ärztlichen Untersuchung gehört, gilt auch im Blick auf geistige Bewegungen.

Jesus gebrauchte das erwähnte Sprichwort innerhalb seiner großen Wiederkunftsrede, und zwar ausgerechnet in dem Abschnitt, in dem er von Verwüstung, Verfolgung, Katastrophen, von irrgeistigen Strömungen der Endzeit und seiner plötzlichen Wiederkunft spricht. Er wollte mit dem Sprichwort andeuten: »Wenn ihr Zeuge all dieser Vorgänge seid, dann wißt ihr, daß meine Zeit nahe ist.« Dazu mahnt er in Matthäus 16, 3: »Seid ihr nicht in der Lage, über die Zeichen dieser Zeit zu urteilen?« Die Zeitgenossen Jesu waren nicht imstande, den Charakter ihrer Zeit zu erkennen. Und wir, die wir weitere 2000 Jahre Kultur als Lehrmeisterin haben, sind es genausowenig. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes, sagt der Apostel Paulus. Das ist der Grund dafür, daß selbst hochintelligente Menschen oft keinen Blick für den biblischen Ablauf unserer Zeit haben. Den Heiligen Geist kann man sich nicht unter dem Katheder eines weltberühmten Dozenten eintrichtern lassen. Für seinen Empfang gelten andere Maßstäbe als rationales Verstehen. So waren vor einigen Jahren viele Gläubige baß erstaunt, als ein Theologe, der in Israel aufgewachsen war, kühn erklärte: »Die Vorgänge in Israel haben nichts mit biblischer Prophetie zu tun.« Luther nannte einmal unsere Vernunft eine Hure. Er meinte damit, sie gehe zu oft auf fremden, nicht gottgewollten Wegen. Wir stehen damit vor dem entscheidenden Vorzeichen unserer Weltbetrachtung. Der Schlüssel zum richtigen Verständnis unserer Gegenwart und der nahen Zukunft liegt nicht in rationalen Denkvorgängen, sondern allein in der Erleuchtung und Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Das muß gesagt werden, auch wenn Anstoß und Ärgernis darüber entsteht.

* Zufallsbild *Wollen Sie Beispiele aus der Heiligen Schrift?

Nicht die Hohenpriester und Herren Theologen haben ihren Messias erkannt, sondern die Hirten, die alte Hanna, der greise Simeon, die Fischer, einige Zöllner, die Sünderin, römische Offiziere und andere.

Wenn wir demütig genug sind, diese Tatsache anzuerkennen, dann sind wir in der Lage, einer biblischen Untersuchung unserer Zeit und der Zukunft zu folgen.

Welche Merkmale unserer Zeit passen in den Rahmen der Endvorstellungen des Neuen Testamentes hinein?

1. Das erste, was zu nennen ist, ist die Angst des gegenwärtigen Geschlechtes. In Lukas 21, 25. 26 heißt es: »Auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie werden zagen. Die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden.«

Es ist seltsam, daß in unseren Tagen gerade der Berufsgruppe, die sich am besten in der Prophetie der Bibel auskennen sollte, am meisten der helle Blick für den Charakter unserer Zeit abgeht. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn Gott die Berufenen in die Ecke stellt und sich der Unberufenen bedient.

Nach langer Zeit griff ich wieder nach einem Buch, das vor 14 Jahren in mehr als einer halben Million Exemplaren seine Runde um die Erde antrat. Es ist der Titel »Die Zukunft hat schon begonnen« von dem Journalisten Robert Jungk. Er schreibt darin, daß die Schatten der Vernichtung über dem Abendland liegen. Sein letztes Kapitel in diesem Buch ist der Brief an einen Studenten, der an der Zukunft verzweifeln wollte. Welche Lösung hat dieser Zeitungsmann anzubieten? Er schlägt vor, daß bei der rapiden Entwicklung der Technik und der Physik die ethischen Wertmaßstäbe der Religion und der Sittenlehre mit hereingenommen werden müssen, sonst verliert die Zukunft nicht ihren schreckensvollen und bedrängenden Charakter.

* Zufallsbild *Wenn wir schon bei den Zeitungsmännern sind, dann lassen wir Anton Zischka zu Wort kommen. Er ist der Nachkomme des bekannten Hussitenfüh-rers gleichen Namens. Eines seiner bekanntesten Bücher trägt den bezeichnenden Titel »Welt in Angst und Hoffnung«. Er schreibt darin unumwunden: »Kriegsangst und Krisenangst umschleichen die Welt.« Schon auf der ersten Seite seines Buches schildert er ein Gespräch mit einem Fluggast auf dem Weg von Amsterdam nach Montreal. Es ist ein junger Auswanderer. Zischka fragt ihn: »Warum verlassen Sie Europa? Sie haben doch hier genug Arbeitsmöglichkeiten.« Sein Gesprächspartner antwortete : »Unserem Wohlstand in Holland traue ich nicht, und das deutsche Wirtschaftswunder geht mir schon lange auf die Nerven. Ich wandere aus, weil unsere Geographie nichts taugt.« Er meinte damit: »Europa ist ein zu unsicheres Pflaster.« Zischka stellt nach diesem Gespräch die Frage: »Rollt die Alte Welt dem Chaos entgegen?«

Lassen wir noch einen Mann zu Wort kommen, der aus dem philosophischen Lager kommt. Es ist der Freiburger Philosoph Martin Heidegger. Auf die Frage nach seiner Beurteilung der Gegenwart antwortete er: »Das Bedenklichste in unserer heutigen Zeit zeigt sich daran, daß wir noch nicht klar zu denken gelernt haben. Immer noch nicht, obgleich der Weltzustand fortgesetzt bedenklicher wird.«

Dazu noch ein Hinweis des bekanntesten deutschen Philosophen der Gegenwart. Karl Jaspers erklärt, daß wir der Selbstvernichtung der Menschheit und damit dem Weltuntergang als etwas ganz Wirklichem entgegenschauen.

* Zufallsbild *Vier Männer ließen wir nun zu Wort kommen. Sie gehören nicht dem theologischen Lager an. Ihre Veröffentlichungen neben denen von anderen Autoren sind als Symptom unserer Zeit zu werten. Es liegt eine unheimliche Spannung über der gegenwärtigen Menschheit. Diese Spannung ist nicht nur psychologisch zu werten, weil wir bald eine neue Jahrtausendwende erleben, sondern deutet an, daß eine allgemeine Ratlosigkeit sich immer mehr der Menschheit bemächtigt.

II. Was man bei den Journalisten und Publizisten noch als Vorhofsarbeit bewerten kann, wird bei einer Gruppe von Naturwissenschaftlern mit viel größerer Schärfe und Klarheit herausgearbeitet.

1. Es sind vor allem die Physiker der Gegenwart, die mit dem klarsten wissenschaftlichen Unterscheidungsvermögen ausgerüstet sind. Ist es nicht um so bedrückender, daß sie nicht nur von der Angst reden, sondern von einem dämonischen Gefälle unserer Zeit? So hat der große Einstein einige Jahre vor seinem Tode geäußert, daß wir vielleicht Geheimnisse der Schöpfung entdeckt haben, die wir besser nicht entdeckt hätten. Und kurz vor seinem Tode erklärte er, daß er im Bereich der Nuklearphysik einem Vorgang auf die Spur gekommen sei, der noch viel gewaltigere Energien auslöse als die Kernspaltung oder Kernverschmelzung. Um einem sehr wahrscheinlichen militärischen Mißbrauch vorzubeugen, nahm er aber diese Entdeckung mit ins Grab.

Aufschlußreich ist auch, ein Wort Oppenheimers, des Entwicklungschefs des A-Bomben-Projektes der USA: »Wir haben die Arbeit des Teufels getan.«

Es ist unmöglich, im Rahmen einer kurzen Darstellung das Problem eines nuklearen Krieges zu entfalten. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich darf nur auf einen Punkt hinweisen. Vor einigen Jahren wurde entdeckt, daß bei den bisherigen H-Bomben-Versuchen radioaktive Atomkerne sich zu winzigen Körnchen vom Größenverhältnis 10-12 kondensieren, die in der Luft schweben. Jeder Lungenatmer nimmt solche Körnchen auf, die Krebserreger darstellen. Diese Tatsache ist unbestritten. Es steht nur nicht fest, wie weit die Auswirkungen gehen. Im schlimmsten Fall stirbt die ganze Menschheit in einigen Jahrzehnten an Krebs, im günstigsten Fall bilden sich in einigen Jahrzehnten bei weiteren H-Bomben-Versuchen bösartige Geschwüre bei Tausenden von Erdbewohnern. Wir hätten damit die Erfüllung von Offenbarung 16, 2. Einige Krebsforscher sagen jetzt schon, daß fünf Prozent der Menschen diese sogenannten heißen Körnchen (Nukleonen) bereits in der Lunge haben.

* Zufallsbild *Wie ernst diese Dinge zu nehmen sind, kann daran ermessen werden, daß 18 bekannte Physiker im Jahre 1957 die sogenannte Göttinger Erklärung abgegeben haben und gegen weitere H-Bomben-Experimente sowie deren militärischen Einsatz protestierten. Doch damit haben die Physiker und Naturwissenschaftler nicht alles getan. Es gehört zum Erfreulichsten, daß in unserer verworrenen Zeit Naturwissenschaftler ein Christuszeugnis aufgerichtet haben, wie wir es an unseren theologischen Fakultäten kaum zu hören bekommen.

2. Es ist nicht nur eine Tragik, sondern wiederum ein Zeichen der Endzeit, daß ein neuer Rationalismus sich in der heutigen Theologie breitgemacht hat, der radikaler und zugleich verschleierter ist als die liberale Epoche des 19. Jahrhunderts. Wenn nur ein Beispiel genannt werden darf, so soll auf den Kirchentag 1965 hingewiesen werden, bei dessen Veranstaltungen die Botschaft von der Wiederkunft Jesu gefehlt hat. Das ist nicht verwunderlich, weil alle Aussagen des Neuen Testamentes auf das Denken des natürlichen Menschen zugeschnitten werden. In dieser Zeit der Aushöhlung der biblischen Substanz hat Gott nicht nur Pastoren und Evangelisten wie Bergmann, Brauer, Bruns, Busch, Deitenbeck, Jochums, Kemner, Pagel, Schulte u. a. geschenkt, sondern vor allem auch gläubige Naturwissenschaftler, die die Fahne des Gekreuzigten und Auferstandenen hochhalten. Nennen möchte ich den Mathematiker Prof. Rohrbach, Rektor der Universität Mainz. Erwähnen möchte ich den Physiker Prof. Schaaffs von der Universität Berlin. Sein Buch »Christus und die physikalische Forschung« ist ein ganz starkes Christuszeugnis. Nicht vergessen werden darf der Chemiker Dr. Paul Müller. Mit einem geradezu prophetischen Fingerspitzengefühl zeigt er die kommende Entwicklung in seinem Buch »Unser Jahrtausend geht seinem Ende entgegen«. Auch der Katholik Bernhard Philberth muß erwähnt werden. Sein vielgerühmtes Buch »Christliche Prophetie und Nuklearenergie« ist die exakteste Auslegung der Offenbarung des Johannes in der Gegenwart. * Zufallsbild *Das ist um so bedeutsamer, weil er als Kernphysiker in den Aussagen des letzten Buches der Bibel Dinge erfüllbar und erfüllt sieht, über die unsere modernen Theologen achtlos hinweggehen.

III. Alle diese stichwortartig genannten Entwicklungen zeigen, daß wir zur Zeit in einem hochinteressanten geistigen Klima stehen. Dr. Bergmann schreibt dazu: »Man muß schon ein seelischer Dickhäuter sein und mit einer überdosierten Portion Oberflächlichkeit in den Tag hineinträumen, wenn einem unsere heutige Zeit mit ihrem Fieber und ihrer unheimlichen Abgründigkeit nicht zum Problem wird.« Am eindeutigsten wird uns der Charakter der Zeit und der Zukunft nicht durch die Bücher der Journalisten noch durch die Bücher der Naturwissenschaftler, sondern durch die Prophetie der Heiligen Schrift selbst. Wer sich kurz orientieren will, der lese doch einmal die große Wiederkunftsrede Jesu in Matthäus 24. Wer mehr Zeit hat, der studiere das letzte Buch der Bibel und nehme sich die Auslegung eines gläubigen Mannes dazu.

Wer immer wieder betend vor dem prophetischen Wort steht und damit unsere Zeitereignisse vergleicht, der merkt, daß wir in der Erfüllungszeit stehen.

Das ist der Grundton von Philberts oder Müllers Buch. Philbert schrieb: »In der gesamten Menschheitsgeschichte und Erdengeschichte gab es noch nie eine Zeit, wie sie sich in den letzten Jahren bis 1960 erfüllte. In diesem Zusammenhang sei auch auf das Buch von Dr. Klara Schlink hingewiesen »Das Ende ist nah.«

Wenn wir fragen, was ist das Besondere unserer Zeit, das vom prophetischen Wort her unterstrichen wird, so können viele Antworten gegeben werden. Es werden hier nur Stichworte genannt, weil ich über diese Fragen bereits eine Broschüre veröffentlicht habe.

* Zufallsbild *Der stärkste Hinweis ist das Geschehen um Israel. Wie gut erinnere ich mich noch an den Ausspruch meines verehrten Prof. Karl Heim. Er konnte 20 Jahre vor der Gründung des Staates Israel manchmal sagen: »Dieses Volk ist von Gott aufgehoben für eine große Zukunft.« Es ist so gekommen.

Beängstigend ist der globale Aufmarsch antichristlicher Mächte gegen das Christentum: neue Aktivität der außerchristlichen Weltreligionen, Heraustreten aus der bisher geübten Toleranz. Tendenz zur antichristlichen Welteinheitsreligion. Man rechnet damit, daß es bis zur Jahrtausendwende soweit ist.

Die biologische Überrundung der christlichen Völker. Das Acht- bis Zehnkindersystem bei den Nichtchristen, das Ein- bis Dreikindersystem bei den Christen.

Die politische und ideologische Einkreisung durch kommunistische Systeme.

Die Entnervung und Neurotisierung der Menschheit. Die Tatsache der drohenden Selbstvernichtung durch einen Regiefehler oder ein technisches Versagen einer Radaranlage.

Die irrgeistigen Strömungen unserer Tage! Nicht nur das Sektenunwesen ist beunruhigend. Die gewaltigste Irrlehre unserer Tage ist die moderne Theologie. Mancher mag darüber aufgebracht sein, daß diese Theologie so oft erwähnt wird. Anstelle einer Antwort bitte ich darum, die sieben Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 zu lesen. Dort wird Stellung genommen zu der falschen Toleranz der Gemeinde gegenüber den Wortverdrehern und Quellenvergiftern in der Zeit des Urchristentums. Und ist es heute nicht noch schlimmer?

Wahrhaftig eine Zeit wie noch nie! Die Positionslampen der Gemeinde sind dringlicher denn je. Der Feind betreibt Vernebelung, betreibt Einkesselung - und was steht im Hintergrund? Die Generalmobilmachung! Die Macht der Finsternis, der Fürst dieser Welt ist zum Endkampf angetreten. Darum hat der Ruf Jesu »Wachet!« eine größere Bedeutung denn je.

* Zufallsbild *IV. Bleibt in diesem Tumult, in diesem chaotischen Geisterkampf noch eine klare Richtung, noch ein Ziel, noch ein Ausweg? Gott sei Dank!

1. Johannes sagt in Offenbarung 1,7: »Siehe, er kommt!« Wir sind als Christen nicht daran interessiert: was kommt, sondern wer kommt. Wir haben es nicht mit furchtbaren Entwicklungen zu tun, nicht mit drohenden atomaren Auseinandersetzungen, nicht mit widergöttlichen Systemen, die dem christlichen Glaubensleben die Atemluft abschnüren wollen; wir haben es als Jünger des einen Herrn nur mit Jesus zu tun.

Ihm ist vom Vater im Himmel alle Machtfülle anvertraut. Er sitzt am Hebel dieser Welt. Er tritt in Kürze aus seiner Unsichtbarkeit heraus. Er bringt die Weltgeschichte und Heilsgeschichte zu Ende.

2. Der Gemeinde Jesu wird eine Verfolgungszeit, eine Drangsalszeit nicht erspart bleiben. Heute ist es in Rotchina schon soweit. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Fürst dieser Welt auf die Kinder Gottes eine große Wut hat. Wenn es ihm auch gelingen mag oder es ihm zugelassen wird, alle Wege zu blockieren, um die Kinder Gottes vernichtend zu treffen, ein Weg bleibt uns offen: der Weg nach oben. Dort reicht sein Arm nicht hin. Dort steht der andere, der gekommen ist und wiederkommen wird, um sein Reich einzunehmen. Jesus selber macht uns Mut mit seinem Ruf: »Wenn dies anfängt zu geschehen, so erhebet eure Häupter, darum, daß sich eure Erlösung naht.

3. Damit hat Jesus eine entscheidende Wahrheit ausgesprochen. Seine Jünger sind nicht auf den Atomkrieg, nicht auf die mögliche Weltherrschaft einer kommunistischen Großmacht ausgerichtet, sondern auf die Freude hin. Neben der Liebe ist die Freude das stärkste Motiv in dieser Welt. Kinder Gottes wissen um die anhebende Bedrängnis. Sie blicken aber darüber hinweg auf das Morgenrot, das die Fußspuren des kommenden Herrn ankündigt. Die Jünger Jesu sind also nicht von einer Untergangsstimmung erfüllt, sondern ihre Herzen schlagen in Liebe und Freude ihrem Herrn entgegen. * Zufallsbild *Das ist die große Antwort der Bibel und unseres Herrn auf die tödliche Bedrohung der Zukunft: die Ausrichtung auf den wiederkommenden Herrn, der allem Weltleid ein Ende bereitet.

4. Unsere Angst ist dann zu Ende. Unter seinen Schirmen sind wir vor den Stürmen aller Feinde frei.

Unsere Einsamkeit findet dann ihren Abschluß; denn wir werden beim Herrn sein allezeit. Unsere Unsicherheit ist dann überrundet von der fröhlichen Gewißheit, daß nichts uns vom Herrn trennen kann. Unsere Sünde wird uns dann nicht mehr plagen und unser Gewissen belasten, denn er hat sie aus unserem Blickbereich entfernt. Keine Krankheit wird uns dann mehr quälen können, denn er hat sie völlig auf sich genommen. Der Tod kann nicht mehr nach uns greifen, denn er liegt als besiegter Feind zu Jesu Füßen. Die Welt mit ihren tausend Nöten wird uns nicht mehr bedrücken; denn er wird abwischen alle Tränen von unseren Augen. Die Zukunft hat ihre Macht verloren, denn die irdische Zeit ist ausgelöscht und abgelöst von der Ewigkeit.

* Zufallsbild *Haben Kinder Gottes nicht eine lichte Zukunft? Auf der Brücke der lebendigen Jesuserwartung schreiten wir über den brodelnden Sumpf der Gegenwart und über die aufsteigenden Giftgase der nahen Zukunft hinweg dem Herrn entgegen.

Wir warten dein, o Gottes Sohn,
und lieben dein Erscheinen.
Wir wissen dich auf deinem Thron
und nennen uns die Deinen.
Wer an dich glaubt,
erhebt sein Haupt
und siehet dir entgegen;
du kommst uns ja zum Segen.

Testament eines Atheisten

Zur Zeit der Niederschrift dieses Taschenbuches erreichte mich das Testament eines Atheisten in Originalfassung. Diese letzte Verfügung eines Mannes, der Gott und dem ewigen Gericht ent­kommen will, ist aufschlußreich. * Zufallsbild *Ich gebe diesen letzten Willen des Atheisten ohne Veränderung wieder. Ich habe nur den Namen gestrichen. Die 6 Punkte lauten:
»Für den Fall meines Todes lege ich in völliger körperlicher und geistiger Klarheit folgende Bestimmungen fest:
Meine sterblichen Überreste sind ohne Versu­che zur Wiederbelebung und ohne irgendwel­che gerichtsmedizinischen Untersuchungen sofort dem nächsten Krematorium zur Feuer­bestattung zu überbringen und nach Ablauf der vorgeschriebenen Todesfrist einzuäschern.
Ich verbiete jedem, selbst den allernächsten Angehörigen, bei der Einäscherung irgendwel­che Trauerfeierlichkeiten anzuordnen. Auf gar keinen Fall möchte ich bis zur Einäscherung in einen kirchlichen Raum verbracht werden. Blumen- oder Kranzspenden sind ebenfalls streng untersagt.
Die Einäscherung hat ohne Beisein jeglicher Angehöriger oder Bekannter, selbst der Aller­nächsten zu erfolgen. Auch die Anwesenheit kirchlicher Organe hat strengstens zu unter­bleiben.
Die bei der Verbrennung zurückbleibende Asche ist zu vernichten. Kein einziges Körn­chen davon ist irgend jemand auszuhändigen oder in einer Urne zu sammeln. Es soll für mein Leben und Tod keine Erinnerung geben. Ich verbiete daher jegliches Grabmal oder sonstige Erinnerungsstätte. Mein Name soll nirgends verewigt sein. Kein Mensch hat irgend ein Anrecht auf ein * Zufallsbild *Erinnerungsstück von mir.
Die nächsten Angehörigen, Verwandtschaft und Bekanntschaft dürfen, wenn dies über­haupt für erforderlich gehalten wird, erst nach Vollzug der vorgenannten Anordnungen benachrichtigt werden. Gründe für meinen Tod sind keine zu nennen; es genügt der Hin­weis, daß ich nicht mehr bin. Ich untersage jegliches Tragen von Trauerkleidung aus Anlaß meines Todes.
Anordnungen, die den vorgenannten entgegen­stehen, betrachte ich als Verunglimpfung des Willens Verstorbener und verfluche jeden, der sich nicht daran hält.« Soweit das Original.

Diese letztwillige Verfügung ist ein Protest gegen Gott und gegen den christlichen Glauben. Zugleich zeigt sie auch die Angst des Verfassers vor dem ewigen Gericht. Es ist ein vergeblicher Versuch, Gott zu entrinnen. David kann diesem Mann eine Lektion erteilen. In seinem Psalm (139) bekannte dieser alttestamentliche Gottesmann:
»Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Ange­sicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da, Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Spräche ich, Finsternis möge mich decken, so muß die Nacht auch Licht um mich sein.«
David wollte sagen: Es gibt keine Flucht vor dem lebendigen Gott.
Das Testament des Atheisten zeigt aber noch mehr. Es ist ein indirekter Hinweis auf Gott. Wenn Gott nicht existiert, warum hat dann dieser Atheist eine so entsetzliche Angst vor ihm, daß er dafür sorgen will, daß kein Stäubchen von ihm übrigbleibt?
* Zufallsbild *Millionen von Christen erhalten aber durch dieses »Glaubensbekenntnis« eines Atheisten eine Lektion. In Offenbarung 3,15 f. erteilt der erhöhte Herr den trägen Christen eine harte Rüge:
»Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.«
Zunächst muß philologisch darauf hingewiesen werden, daß es im griechischen Grundtext nicht warm heißt. Zestos heißt siedend heiß. Das dazu gehörige Verbum zeo bedeutet: sieden, kochen, wallen, wogen, toben, glühen. Ein Christ, der nicht brennt für seinen Herrn, ist lauwarm. Und lauwarme Christen werden aus dem Mund des Herrn ausgespien. Ist in der Christenheit das Heer der Lauwarmen nicht erschreckend groß und die Schar derer mit brennendem Herzen so erschreckend klein?
* Zufallsbild *Diesem Atheisten in seiner eiskalten Ablehnung Gottes wird es im ewigen Gericht erträglicher gehen als dem Heer der lauwarmen Christen. Mit diesem Testament wird zuletzt der Skopus, der Blickpunkt geändert. Zur Diskusison stehen nicht die Atheisten, sondern die lauwarmen Christen.
Ach, daß du kalt oder glühend heiß wärest!
(Aus dem Buch "Licht am Abend")

Buchvorstellung

Anhand von 500 Beispielen werden rund 150 okkulte Bewegungen erläutert. Als Nachschlagewerk gibt das Buch klare Wegweisung im okkulten Chaos unserer Zeit und enthält ein umfangreiches Kapitel über die Befreiung aus okkulten Bindungen. Ergänzungsband zu "Seelsorge und Okkultismus.

832 Seiten, 25,- €

Menschen berichten...

Die nächste Station war Johannesburg, wo Donavan Kontakt zu anderen Homosexuellen bekam. Viele trugen Frauenkleider, wie er. Sie gaben sich auch jeweils weibliche Vornamen und sprachen die international bekannte Homo-Sprache "Gayla"...

Aus dem Buch "undefinedWo ist ein Gott, wie du bist?"

Gehört aber nicht Opposition dazu, wenn Gott ein Feuer anzündet? Wenn eine Erweckung keine Widersacher hat, dann ist das keine echte Erweckung.
Dr. Kurt E. Koch

Zitat Dr. Koch

"Okkulte Betätigung schädigt das christliche Glaubensleben schwer."